„Wir müssen das Ehrenamt anders würdigen.“

Ehrenamtskoordinatorin Annette Blumöhr vom Diakonischen Werk Region Kassel über ihre Arbeit, die Einsatzfelder für Freiwillige, die Herausforderungen in der Zusammenarbeit und die Bedeutung des Ehrenamts in der Zukunft

Annette Blumöhr (62) ist Ehrenamtskoordinatorin im Diakonischen Werk Region Kassel. Seit 2003 kümmert sie sich hauptberuflich um Freiwillige, die das Diakonische Werk mit ihrer Arbeit unterstützen. Zuvor war die gelernte Erzieherin und Sozialarbeiterin 15 Jahre als Geschäftsführerin in einem Verein zur Unterstützung und Integration langzeitarbeitsloser Menschen tätig. Wir haben Annette Blumöhr getroffen und mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.

Diakonie Hessen: Frau Blumöhr, Sie sind jetzt schon seit 15 Jahren mit einem Teil ihrer Stelle Ehrenamtskoordinatorin. Sie haben dafür sogar eine Weiterbildung gemacht. Was mögen Sie besonders an Ihrer Arbeit?

Blumöhr: Ich finde es schön zu erleben, wie Menschen Spaß an dem haben, was sie tun. Das ist für mich als Mitarbeiterin, die auch Personalverantwortung für hauptberufliche Mitarbeitende hat, immer wieder ein tolles Übungsfeld. Hauptberufliche Mitarbeiter*innen arbeiten mit Freude an dem, was sie tun, daneben spielen aber auch die Sicherung des Lebensunterhaltes und die Verpflichtungen eines Arbeitsvertrags eine wichtige Rolle. Die Freiwilligen machen ihre Arbeit, weil sie Lust haben, weil sie mit Engagement und Spaß bei der Arbeit sind und auch sehr auf Augenhöhe arbeiten. Diese Freiheit führt dazu, dass Menschen ohne Anordnung, ohne die Befürchtung von Nachteilen oder von irgendwelchen Sanktionen geführt werden können und müssen.

Diakonie Hessen: Welche Arbeitsgebiete gibt es im Diakonischen Werk Region Kassel für Freiwillige?

Blumöhr: Bei uns gibt es viele verschiedene Einsatzfelder für Freiwillige und Ehrenamtliche. Im Bereich Alten-, Senioren- und Hospizarbeit etwa haben wir in der Stadt Kassel, in Hofgeismar und Wolfhagen drei Standorte. Dann haben wir noch die Arbeit mit Geflüchteten: dazu gehören ein Flüchtlingscafé in Kassel, den "i-Punkt-Treffpunkt International" sowie Bildungsangebote für Geflüchtete oder für Menschen mit Migrationshintergrund. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Armutsvorsorge, also die Tafelarbeit und die Bahnhofsmission. Dazu kommen Projekte, wie beispielsweise ein Präventionsangebot in der Schuldnerberatung mit Ehrenamtlichen.

Diakonie Hessen: Was machen Sie, um neue Freiwillige zu rekrutieren?

Blumöhr: In unseren Arbeitsbereichen bieten wir Praktikumsplätze für Schüler*innen und Student*innen an, wir veröffentlichen freie Engagementplätze über das Freiwilligenzentrum und begleiten unsere Freiwilligen gut. Es spricht sich rum, dass wir in jedem Bereich Ehrenamtskoordinator*innen haben und wir die Ehrenamtlichen nicht alleine lassen. Das ist ganz wichtig und gibt Sicherheit in der Mitarbeit. Zudem informieren wir in der Presse regelmäßig darüber, wenn wir Ehrenamtliche suchen, beispielsweise für den Fahrdienst der Tafel. Auf diese Artikel melden sich in der Regel Menschen, die Interesse haben mitzumachen. Und wir nehmen an unterschiedlichen Veranstaltungen teil, stellen dort unsere Arbeit vor und tauschen uns mit anderen Akteuren aus.

Diakonie Hessen: Der demografische Wandel beeinflusst unsere Gesellschaft. Zudem arbeiten immer mehr Menschen in Vollzeit. Wie wirkt sich das auf die Freiwilligenarbeit aus?

Blumöhr: Es zeigt sich überall deutlich, dass wir Schwierigkeiten haben, junge Freiwillige zu finden. Wir haben zum Teil hochbetagte Ehrenamtliche die 80, 82 Jahre alt sind. Im Alter zwischen 75 und 85 Jahren haben wir einen guten Stamm an ehrenamtlichen Mitarbeitenden, die – gerade in den Tafeln – manchmal auch schwere körperliche Arbeit leisten, die ganz zuverlässig da sind und mitarbeiten. Aber bei jüngeren Leuten ist es tatsächlich so, dass die beruflich oft sehr eingebunden sind, wenn Kinder da sind, beide Elternteile arbeiten und manchmal zum Arbeitsplatz lange Anfahrtszeiten zurückgelegt werden müssen. Da bleiben wenig Zeit und Kraft für freiwilliges Engagement. Eine Veränderung findet auch bei den Älteren statt. Im Ruhestand wollen viele die freie Zeit genießen, ungebunden und ohne zu große Verpflichtungen sein. Oder sie sind bei der Versorgung der Enkel eingebunden. Da bleibt für ein Ehrenamt oft nur ein sehr abgestimmter Zeitkorridor oder die Menschen engagieren sich punktuell. Andere haben Zeit, weil sie erkrankt sind, weil sie aus dem Berufsleben herausgefallen oder arbeitslos sind. Gerade für diese Zielgruppe ist es dann wichtig, dass ein Engagement keine Kosten verursacht – mit wenig Geld kann man keine zusätzlichen Kosten tragen.

Diakonie Hessen: In welchen Einsatzfeldern finden Sie am schwierigsten Freiwillige?

Blumöhr: Im Demenzbereich ist es nicht so einfach, Ehrenamtliche zu finden. Auch im Hospizverein, da dort die Hürde doch relativ hoch ist. Für die Mitarbeit in diesen Bereichen ist eine vorgeschaltete Schulung Voraussetzung – diese wird kostenlos angeboten. Die Ehrenamtlichen müssen aber die Zeit dafür zur Verfügung stellen und manchmal auch warten, bis der nächste Kurs stattfindet. Bei den Tafeln ist es eher die räumliche Situation, die es schwierig macht: im Landkreis, in Hofgeismar und Wolfhagen – dies sind kleine Städte im ländlichen Raum, in die man als interessierter Ehrenamtlicher aus den umliegenden Orten oder aus Kassel schlecht hinkommt. Für den öffentlichen Nahverkehr oder ein privates Fahrzeug muss man dann relativ viel bezahlen – das kann sich nicht jeder leisten.

Diakonie Hessen: Welches Einsatzgebiet ist bei den Freiwilligen besonders beliebt?

Blumöhr: Das ist unterschiedlich. Es gibt einige, die arbeiten sehr gerne mit Kindern. Es gibt andere, die sind ganz gespannt auf die Begegnungen mit Menschen, die man so im Alltag eher im Vorübergehen sieht, benachteiligte Randgruppen, deren Hilfebedürftigkeit sehr deutlich ist. Ich glaube, vielen unserer Ehrenamtlichen ist es wichtig, dass sie nicht alleine arbeiten, sondern in einer Gruppe. Und dass sie gut eingebunden sind, wir ihnen einen Rahmen aber auch eigenen Raum zur Mitgestaltung geben und sie begleitet werden. Es gibt fast niemanden, den ich ganz schwer vermitteln kann.

Diakonie Hessen: Es wird immer wieder die Befürchtung geäußert, dass Ehrenamtliche Hauptberufliche aus dem Beruf verdrängen. Wie sehen Sie das?

Blumöhr: Dies ist eine weitere Herausforderung in unserem Beruf. Ehrenamtliche ergänzen und unterstützen die Arbeit von Hauptberuflichen. Wir müssen zum einen immer wieder den Blick darauf behalten, was hauptberufliche Tätigkeit bleiben muss und nicht durch ehrenamtliches Engagement ersetzt werden kann. Dann muss auch die professionelle Begleitung der Ehrenamtlichen gesichert sein. Das transportiere ich auch immer wieder nach oben und unten. Nach oben zur Leitung muss ich ganz klar sagen, dass wir Ehrenamtliche einsetzen müssen, wenn hauptberufliche Arbeit zurückgefahren wird, weil es mit der Finanzierung nicht mehr stimmt. Aber das ist dann etwas anderes und nicht eins zu eins das gleiche Angebot. Die Ehrenamtlichen können vieles, aber sie können nicht wie eine professionelle Kraft arbeiten. Und sie können gut Dinge begleitet machen. Dafür braucht man auch hauptberufliche Zeit.

Diakonie Hessen: Wie sehen Sie die Zukunft des Ehrenamts?

Blumöhr: Wenn ich die Entwicklung von Arbeitszeiten und die politischen Diskussionen verfolge, glaube ich, dass die Digitalisierung noch einmal zu einem Abbau von Arbeitskraft führen und das Ehrenamt in der nächsten Zeit nicht nur an Bedeutung gewinnen, sondern sich seine Bedeutung auch verändern wird: Das Ehrenamt verbindet die Menschen miteinander und wird gleichzeitig zu einem festen sozialen Element. Was ich mir wünschen würde wäre, dass die Förderung von ehrenamtlichem Engagement über gute Worte hinaus mit einer Würdigung im Sinne einer spürbaren Unterstützung für Ehrenamtliche einhergehen würde, zum Beispiel einer kostenfreien Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs durch eine Hessen-Fahrkarte. Oder auch – was ja eine sehr alte Forderung ist –  etwa durch die Anerkennung mit Rentenpunkten. Es wird so viel gearbeitet für unsere Gesellschaft, das sollte wirklich mehr gewürdigt werden.

Diakonie Hessen: Haben Sie selbst ein Ehrenamt?

Blumöhr: Ich arbeite punktuell ehrenamtlich. Im Moment bin ich in einer Bürgerinitiative sehr engagiert. Ich könnte mir gut vorstellen noch mal politisch ein Ehrenamt zu übernehmen. Aber zurzeit habe ich zu viel anderes kontinuierlich zu tun.

Diakonie Hessen: Wir danken Ihnen für das Gespräch, Frau Blumöhr.