„Junge Menschen und ihre Familien wurden vielfach übergangen“

Peter Röder, Experte für Kinder- und Jugendrechte bei der Diakonie Hessen, über die Rechte von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Zeit und darüber, wie wichtig familiäre Strukturen und Kontakte gerade jetzt für ihre Entwicklung sind 

1. Herr Röder, Kinder und Jugendliche können in Hessen noch immer nur eingeschränkt Schule und Kindergarten besuchen. Gleichzeitig arbeiten viele, die es irgendwie einrichten können, von Zuhause. Gerade in Familien mit niedrigem Einkommen und kleinen Wohnungen heißt dies oft: kaum Privatsphäre, kein Freiraum, finanzielle Not und dicke Luft. Wie steht es um die Rechte der Kinder und Jugendlichen in Zeiten von Corona?

Ich bin froh, dass sich jetzt vieles auch für Familien wieder ändert. Allmählich bekommen sie wieder die Unterstützung, die sie brauchen. Was die Rechte von Kindern und Jugendlichen betrifft, ist klar festzustellen: Sie wurden auf dem Hoch der Corona-Pandemie noch stärker beschnitten als die gesetzlich verbrieften Grundrechte aller Bürgerinnen und Bürger. Denn junge Menschen wurden bei der Aufstellung der Maßnahmen von Pandemieplänen nicht beteiligt. Natürlich hat die Pandemie alle überrollt und auch überfordert. Aber dass die Kinder- und Jugendhilfe zunächst nicht als systemrelevant eingestuft wurde und viele in der Politik das Kindeswohl, den Kinderschutz und auch das Wegbrechen von regelmäßigen Mahlzeiten und Betreuungen für ärmere und belastete Kinder überhaupt nicht mehr im Blick hatten, zeigt doch wie trotz aller Beteuerungen junge Menschen und deren Familien vielfach übergangen werden.

Norwegen hat gezeigt, wie es anders laufen kann. Dort wandte sich die Regierungschefin gleich zu Beginn der Pandemie persönlich an die Kinder und erklärte ihnen die gegenwärtige Notsituation und was ihrer Meinung nach notwendig ist und alle – gerade auch die jungen Menschen – bei der Bewältigung der Probleme gebraucht werden. Es konnten Fragen gestellt werden, die auch sorgfältig beantwortet wurden. Die jungen Menschen machen aktiv bei der Bewältigung der Krise mit, weil sie wissen, worum es geht. Für mich ist das ein gelungenes Beispiel von echter Partizipation: Junge Menschen werden einbezogen und nicht einfach von Erwachsenen übergangen.

2. Die Politik greift der Wirtschaft unter die Arme, Kirchen dürfen Gottesdienste feiern, Geschäfte sind wieder geöffnet, die Fußgängerzonen und Eisdielen so gefüllt wie vor dem Lockdown. Für Familien gibt es indes kaum Entlastung.  Haben Kinder und Jugendliche keine Lobby?

Doch, aber nicht immer hatte die Politik bei all den Einschränkungen Kinder und Jugendliche sofort im Blick. Leider sehen viele immer noch nicht die Notwendigkeit, junge Menschen in ihre Überlegungen, Planungen und Aktionen einzubeziehen bzw. sie zu beteiligen. Die Notbetreuung in Kitas und Schulen war von Anfang an ein wichtiges Instrument, Eltern systemrelevanter Berufe ihre Berufsausübung zu ermöglichen und gleichzeitig Kinder in Notlagen und problematischen Umgebungen betreuen und fördern zu können. Das Recht auf Kita und Schule haben aber alle Kinder. Es ist nun zu prüfen und zu überlegen, wie das in diesen Zeiten mit Vorsicht gehen kann. Die Idee der kleineren Gruppen greift zu kurz, da zur Erhöhung der Zahl der Gruppen weder das Personal, noch die Räume zur Verfügung stehen. Hier werden lokale Lösungen zu suchen sein. Auch gilt es seriöse klinische Testreihen mit Kindern und Eltern durchzuführen, um herauszufinden, ob und wie Kinder das Virus übertragen oder nicht. Da war man vorsichtig, um Ältere nicht zu gefährden. Das muss jetzt dringend überprüft werden, denn für Kinder und Großeltern ist der Kontakt gleich wichtig – oft entlastet er auch die Eltern.

3. Die Diakonie Hessen macht sich schon lange für die Rechte der Kinder stark. Wie setzt sich die Diakonie Hessen in Corona-Zeiten für die Kinder ein?

Die Diakonie Hessen setzt sich seit Jahren bei der Politik für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention ein. Konkret in Corona-Zeiten hat die Diakonie Hessen gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck einen Corona-Nothilfefonds aufgelegt und für die Unterstützung von Menschen in Not um Spenden gebeten. Denn viele Kinder und Jugendliche aus armen Familien wurden bisher mit Lebensmitteln und anderem über die Tafeln versorgt. Nach Schließung der Tafeln fiel das schnell ersatzlos weg. Die regionalen Diakonischen Werke versuchten stattdessen, Hilfe direkt zu den Familien zu bringen. Das war dringend nötig. Doch auch wenn vieles nun normaler verläuft, brauchen Familien mit wenig Einkommen die verstärkte Unterstützung in materieller Hinsicht, aber auch mit weiteren Fördermöglichkeiten für die Kinder, die sonst auf ihrem Lebensweg, gerade in der Bildung und Entwicklung, noch weiter abgehängt werden. Auch dafür wird sich die Diakonie einsetzen.

4. Der erste Lockdown ist vorüber. Die Pandemie ist jedoch noch nicht bekämpft. Weitere Wellen werden befürchtet, neue Einschränkungen drohen. Welche Gefahren sehen Sie in einem erneuten Schul- und Kontaktverbot für Kinder und Jugendliche?

Für die Entwicklung junger Menschen ist nicht nur eine formale Wissensvermittlung wichtig. Gerade auch das Spielen, Erforschen, Toben, das Sich-Auseinandersetzen mit anderen und vieles mehr sind wichtige Bausteine für die Prägung und Entwicklung von Persönlichkeiten. Dazu dienen auch verlässliche Strukturen wie Kita und Schule und ganz wichtig die Begegnung mit Freundinnen und Freunden. Es ist gut, dass in der gebotenen Vorsicht weitere Öffnungen umgesetzt werden, damit Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung nicht ausgebremst werden. Aber gleichzeitig ist auch auf die Gesundheit des Erziehungspersonals zu achten. Hier sehe ich die Aufgabe, vor Ort geeignete neue Lösungen zu finden, die beides im Blick haben.

Es ist wichtig, für Eltern, Kinder und Jugendliche und auch das Personal Klarheit und Verlässlichkeit zu schaffen. Der Unterrichtsausfall verstärkt den Unterschied zwischen Schülerinnen und Schülern, die gut lernen können und Unterstützung durch ihre Familien erhalten und jenen, denen dies aus den verschiedensten Gründen fehlt. Dafür können Kinder und Jugendliche selbst nichts. Sie müssen jetzt umso mehr gezielt gefördert und unterstützt werden, das Versäumte aufzuholen und nicht zu einer Generation der Bildungsverlierer zu werden. Dafür wird sich die Diakonie auch einsetzen.

5. Es wird davon ausgegangen, dass die Gewalt in Familien während des Lockdowns zugenommen hat. Was raten Sie gestressten Eltern und Kindern in dieser schwierigen Zeit?

Die Situation der Pandemie und das „Aufsichbezogensein“ einer Familie ist für Kinder, Jugendliche und auch für Erwachsene etwas völlig Neues. Es gibt keine Erfahrungswerte, wie damit umzugehen ist und das löst Unsicherheit und Ängste aus. Deshalb halte ich es für wichtig, dass mit den Kindern und Jugendlichen ihrem Alter entsprechend darüber gesprochen wird. Gleichzeitig stärkt das den Zusammenhalt und die Gewissheit, alles gemeinsam zu schaffen und das Beste daraus zu machen. Häufig höre ich von Lärm und Durcheinander, fehlender Rücksichtnahme und der Reizbarkeit aller. Auch hier gilt es, gemeinsam zu besprechen, was wer wann wo vorhat. Damit können notwendige Freiräume für ein Arbeiten im Homeoffice und persönliche Auszeiten eingetragen werden. Struktur zu setzen, ähnlich wie ein Stundenplan, kann dazu beizutragen, dass alle wissen, woran sie sind und manches Lästige befristet ist.

Auch wenn der Schul- und Kitabetrieb nur unregelmäßig erfolgt, sollte wenigstens der eigene Bereich in seinen Grundzügen eine verlässliche Ordnung haben. Grundsätzlich ist die Phantasie aller gefragt, wie trotz allem das Beste aus der Lage gemacht werden kann. Doch wenn Druck und Belastung, Sorgen und Ängste immer bedrohlicher werden, können sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene an Sorgentelefone, Beratungsstellen und Informationsportale im Internet wenden. Dort finden Sie kompetente Ansprechpartner, kostenlos und auf Wunsch auch anonym.

Alle Infos rund um unser Schwerpunktthema „Kinder- und Jugendrechte“ gibt es auf unserer Themenseite.