September 2020

AHA-Regeln sind für Wohnungslose kaum möglich

5 Fragen, 5 Antworten: Stefan Gillich, Leiter der Abteilung Existenzsicherung, Armutspolitik, Gemeinwesendiakonie, über die Situation von wohnungslosen Menschen in der Corona-Zeit


Stefan Gillich, Experte für Wohnungsnotfallhilfe
 

Stefan Gillich, Experte für Wohnungsnotfallhilfe

Wohnungslose Menschen sind dem Corona-Virus schutzlos ausgesetzt. Auf der Straße lebend, haben sie kaum Gelegenheit sich zu waschen oder Abstand einzuhalten. Notwendige Hilfen für Wohnungslose sind in der Corona-Zeit nur eingeschränkt zugängig. Bei steigenden Fallzahlen und sinkenden Temperaturen stellt sich die Frage, wie sich die Menschen auf der Straße vor dem Virus und seinen Auswirkungen schützen sollen. Darüber haben wir mit Stefan Gillich, Referent für Wohnungsnotfallhilfe und Leiter der Abteilung Existenzsicherung, Armutspolitik, Gemeinwesendiakonie bei der Diakonie Hessen, gesprochen.

Herr Gillich, Schätzungen der Liga Hessen gehen davon aus, dass zurzeit etwa 4.000 Menschen auf hessischen Straßen leben. Wie sieht die Hilfe Ihrer Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe zurzeit aus? Was hat sich mit Corona für Ihre Arbeit geändert?

Die Mitglieder der Diakonie Hessen betreiben an 20 Standorten 85 Dienste und Einrichtungen. Mit Aufsuchender Sozialarbeit, Tagesaufenthalten, Beratungsstellen, Wohnheimen und Notübernachtungen bis hin zum Betreuten Wohnen bieten wir ein umfassendes Hilfefeld. Die gravierendsten Einschnitte durch Corona gibt es bei den Tagesaufenthalten. Wo sich am Tag normalerweise fünfzig bis über hundert Menschen aufhalten, sich duschen, Wäsche waschen, etwas essen, ihre Ruhe finden, sich beraten lassen etc. darf – bedingt durch Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln – nur noch ein geringer Teil die Räume nutzen. Die meisten Einrichtungen haben etwa im Freien Pavillons oder Sonnenschirme aufgebaut, um wenigsten einen geringen Schutz zu ermöglichen und den Kontakt zu erhalten.

2. Warum ist Corona für wohnungslose Menschen besonders schlimm?

Das Leben auf der Straße fordert seinen Tribut. Wir wissen: Wer arm ist, stirbt früher – sogar viel früher. Bei Männern sind es etwa elf Jahre und acht Jahre bei Frauen. Wer täglich seine Existenz sichern muss, achtet nicht auf Krankheiten. Die Lebensumstände machen krank. Natürlich haben auch Menschen, die auf der Straße leben, Angst vor Corona. Zumal sie durch ihre verschleppten Krankheiten hoch gefährdet sind. Auf der Straße selbst ist ein Schutz kaum möglich. Abstands- und Hygienemaßnahmen können nicht wirklich eingehalten werden.

3. Wie können Sie den Menschen auf der Straße bei steigenden Fallzahlen und sinkenden Temperaturen helfen?

Soweit möglich bringen wir Menschen statt in Mehrbettzimmern in Einzelzimmern unter, in den Tagesaufenthalten stellen wir Duschmöglichkeiten u.v.m. zur Verfügung. Darüber hinaus bieten wir – rein durch Spenden finanziert – unter dem Projektnamen „Krank auf der Straße“ regelmäßig ärztliche, pflegerische und sozialarbeiterische Hilfen im Rahmen von medizinischen Sprechstunden an. Mit dem spendenfinanzierten Projekt #wärmespenden suchen wir wohnungslose Menschen auf und bieten wetterfeste Schlafsäcke und Isomatten als Nothilfe an.
Wohnungsnotfallhilfe ist oftmals Nothilfe. Darunter gibt es kein tragendes Netz mehr. Vor diesem Hintergrund halten wir alle Angebote geöffnet. In den Tagesaufenthalten können wir jedoch nur begrenzt Hilfebedürftige einlassen, um der Gefahr der Ansteckung so weit wie möglich entgegenzuwirken. Wir haben bereits die Flächen zum Aufenthalt durch Pavillons etc. erweitert. Wenn nicht anders möglich werden wir zusätzlich Heizpilze aufstellen. Nicht zum Vergnügen, um im Freien den Champagner zu schlürfen, sondern um Leben zu retten.

4. Wie können Länder und Kommunen die Wohnungsnotfallhilfe in Zeiten von Corona kurzfristig entlasten?

In den Notunterkünften können wir kurzfristig nicht mehr Platz schaffen. Im Gegenteil: wir müssen sogar die Belegung reduzieren. Während des Lockdowns haben schon viele Kommunen, wohnungslose Menschen in Hotels und Pensionen untergebracht. Hier sehen wir die Kommunen in der Pflicht dies auszuweiten. Wenn wir Corona-Hotspots vermeiden wollen, ist eine Unterbringung in Mehrbettunterkünften nicht mehr haltbar Hier zeigt sich auch das Kernproblem: der fehlende Wohnraum. Bezahlbare Wohnungen stehen kaum zur Verfügung. Die Liste der Bedürftigen ist lang. Und wohnungslose Menschen stehen in dieser Reihe ganz hinten an. Resigniertes Zitat des wohnungslosen Peter, nachdem er über hundert Absagen erhalten hat: „Man kann ja auf einer Glatze keine Locke drehen“. Land und Kommunen sind gefordert Belegungsrechte für diese Personengruppe zu sichern und über einen verbindlichen Verteilungsschlüssel zu gewährleisten, dass auch wohnungslose Menschen mit Wohnungen versorgt werden.

5. Viele Wohnheime sind überfüllt, da Wohnungslose nur schwer eine eigene Wohnung finden. Sie haben sich in der Vergangenheit immer wieder für mehr bezahlbaren Wohnraum eingesetzt. Wie kann die Landesregierung dazu beitragen?

Notwendig ist ein Landesprogramm „Wohnungslosigkeit überwinden“ mit einer Laufzeit von mindestens vier Jahren. Benötigt werden acht Millionen Euro. Dies fordert die Diakonie zusammen mit den anderen hessischen Wohlfahrtsverbänden bereits seit zwei Jahren von der Landesregierung . Merkmale eines solchen Programms sind:

  • Einführung einer landesweiten integrierten Wohnungsnotfallstatistik
    Landesweite Untersuchung zu Umfang, Struktur und Hilfen für Menschen in Wohnungsnotlagen
  • Förderprogramm zum Aufbau kommunaler Fachstellen zur Verhinderung von Wohnungsverlusten im ländlichen Raum
  • Förderprogramm „Pro Wohnen“ zur Förderung von Netzwerken zur Prävention von Wohnungsverlusten und zur Erschließung von Wohnraum
  • Förderprogramm „Von der Straße in die Wohnung“ durch aufsuchende Hilfen auf der Straße, Akquise von Wohnungen, wohnbegleitende Hilfen