Mai 2020

Arme Kinder und ihre Familien materiell absichern!

Diakonie Hessen unterstützt Erklärung zur Versorgung von armen Kindern und Familien in der Corona-Krise - Verbände fordern Soforthilfen


Kinder und Jugendliche sind von der „Corona-Krise“ besonders betroffen: Mit der Schließung von Kindertagesstätten, Schulen und sozialen Einrichtungen sind wichtige Lern- und Kontaktmöglichkeiten auf einen Schlag entfallen. Für diejenigen, die aufgrund der finanziellen Situation ihrer Familie auf Unterstützung angewiesen sind, ist diese Situation besonders beschwerlich. Die Diakonie Hessen schließt sich daher der von mehreren Verbänden getragenen Erklärung mit der Forderung an, dass arme Kinder und ihre Familien jetzt mit einer Soforthilfe materiell abgesichert werden sollen.

Hintergrund

In Hessen ist jedes fünfte Kind von Armut bedroht. Jedes siebte Kind wächst in Hessen in einem Haushalt auf, der Sozialleistungen bezieht. Damit sind rund 181.000 Kinder und Jugendliche in ihren Entwicklungschancen und Teilhabemöglichkeiten stark eingeschränkt und können ihre Rechte nicht wahrnehmen. 

Die Erklärung der Verbände im Wortlaut:

Ende der Corona-Pandemie noch nicht in Sicht:
Arme Kinder und ihre Familien in der Krise mit Soforthilfen materiell absichern!

Immer stärker setzt die „Coronakrise“ unser Land, und damit auch die Familien, unter Druck: Eltern arbeiten in Kurzarbeit, werden entlassen, haben keine Kinderbetreuung oder stehen als Selbstständige vor dem wirtschaftlichen Ruin. Es ist damit zu rechnen, dass durch die zu erwartende wirtschaftliche Krise die Zahl der Hartz-IV-Haushalte steigen wird und damit absehbar auch die Zahl armer Kinder in Deutschland.

Gleichzeitig verschärft sich die Situation von 3 Millionen Kindern und Jugendlichen, die schon vor der Krise in Armut gelebt haben. Mit der Schließung der Bildungs- und vieler sozialer Einrichtungen fallen wichtige Versorgungsinfrastrukturen mit einem Schlag für sie weg. Die Mehrheit dieser Kinder lebt in einer Familie, in der mindestens ein Elternteil arbeitet. Das Gehalt ist jedoch zu niedrig, um die Existenz der Familie zu sichern. Dies betrifft allem voran viele der systemrelevanten Berufe, wie die alleinerziehende Krankenschwester oder die Kassiererin im Supermarkt.

Arme Familien und ihre Kinder haben mehr Ausgaben, bekommen aber keinen Euro mehr.

Die Versorgung ihrer Kinder ist für arme Familien zu einem ernstzunehmenden Problem geworden, denn der Hartz IV Regelsatz für Familien, Kinder und Jugendliche ist viel zu knapp bemessen. Für Kinder unter 14 Jahren stehen gerade einmal um die vier Euro am Tag für Lebensmittel zur Verfügung. Bei vielen Lebensmitteln und Hygieneartikeln sind durch Hamsterkäufe die kostengünstigen Artikel, auf die arme Familien angewiesen sind, aber nicht mehr verfügbar. Hinzu kommen der Wegfall des kostenfreien Essens in Kitas und Schulen über das Bildungs- und Teilhabepaket sowie die Schließung vieler Tafeln, die normalerweise rund eine halbe Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland versorgen.
Auch in anderen Bereichen, wie Bildung, soziale Teilhabe oder Gesundheit, verschärft sich dieUnterversorgung der Kinder zunehmend. Arme Familien leben oft auf engstem Raum, dietechnische Ausstattung für das Lernen zuhause ist nicht vorhanden, erhöhte Strom- undandere Wohnkosten nicht eingeplant. Viele Familien mit Kindern sind schon jetzt am Limit undhaben keine finanziellen Spielräume. Dabei zeigt sich: Leidtragende der Situation sind die, dieohnehin schon weniger finanzielle Möglichkeiten haben.

Arme Kinder nicht wieder vergessen: Soforthilfe leisten.

Die Bundesregierung hat im Rahmen des Sozialschutz-Pakets Erleichterungen für Familien beim Zugang zu sozialen Leistungen auf den Weg gebracht, die gut und richtig sind. Sie kommen jedoch vielfach nicht bei Familien an, die bereits von SGB II-Leistungen leben. DerWegfall der Leistungen auf Bildung und Teilhabe – auch für Familien mit Kinderzuschlag oder Wohngeld – sowie anfallende Mehrausgaben können durch die Eltern nicht aufgefangenwerden. Es braucht daher dringend eine unbürokratische Aufstockung des Hartz-IV-Regelsatzes für Kinder und Jugendliche als Soforthilfe.

Zudem muss sichergestellt werden, dass alle Schulkinder durch die Übernahme der entsprechenden Anschlusskosten Zugang zum Internet haben sowie die Anschaffung vondigitalen Endgeräten oder Computern ermöglicht wird, sofern diese nicht vorhanden sind. Andernfalls wird sich das drängende Problem der Bildungsgerechtigkeit in Deutschland noch weiter verschärfen.

Wir fordern die Bundesregierung und die Länder dazu auf, schnell zu handeln und kurzfristigeund wirkungsvolle Maßnahmen in Angriff zu nehmen. Denn mit jedem weiteren Monat werden Kindern Entwicklungschancen genommen und damit auch ein Stück Zukunft für sie und unsere Gesellschaft.

Ebenso müssen die Zugangskriterien für Notbetreuung in allen Bundesländern erweitert werden. Kinder aus armen Familien und Kinder von Alleinerziehenden müssen besondere Betreuungsangebote zur Verfügung gestellt bekommen. Angesichts von Schul- und Kitaschließungen können insbesondere Alleinerziehende nicht oder nur unter beschwerten Bedingungen ihrem Beruf nachgehen. Das gefährdet unmittelbar ihre Existenz.

Tragfähige Lösungen für die Zukunft

Gleichzeitig brauchen wir dringend tragfähige Lösungen für die Zukunft. Die Krise zeigt in allerDeutlichkeit: Bildungs- und Teilhabechancen sind eng mit dem Geldbeutel der Elternverknüpft. Arme oder von Armut bedrohte Familien brauchen auch nach Überwindung der Krise eine besondere Unterstützung. Es bedarf dringend einer Stärkung guter und armutssensibler Bildungs- und Betreuungseinrichtungen und einer Reform der monetären Familienförderung!

Berlin, 23. April 2020

Unterzeichner der Erklärung:

  • AWO Bundesverband e.V.
  • Deutsches Kinderhilfswerk
  • Diakonie Deutschland
  • Der Kinderschutzbund Bundesverband
  • nak - Nationale Armutskonferenz
  • Verband alleinerziehender Mütter und Väter 
  • Zukunftsforum Familie e.V.

 

 

 


Dateien:
Erklaerung Arme Kinder und ihre Familien in der Corona-Krise406 K