Juli 2019

Frauen im Rentenalter suchen verstärkt Beratungsstellen der Diakonie Hessen auf

Bundesregierung: Jede 2. Altersrente beträgt weniger als 900 Euro


Gerontologin Dagmar Jung zu den aktuellen Ergebnissen der Bundesregierung
 

Gerontologin Dagmar Jung zu den aktuellen Ergebnissen der Bundesregierung

„Wir sind über die aktuellen Ergebnisse der Bundesregierung zur Altersrente nicht überrascht“, sagt Gerontologin Dagmar Jung, Leiterin der Abteilung Gesundheit, Alter, Pflege bei der Diakonie Hessen zur Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Sabine Zimmermann. Demnach sei mehr als jede zweite Altersrente niedriger als 900 Euro. Jung: „Die Zahl alter Frauen, die in diakonischen Beratungsstellen Rat suchen, steigt stetig. Selbst bei sparsamster Haushaltsführung rutschen Frauen im Rentenalter immer häufiger in die Armut.“

Bereits 2015 bezogen Frauen laut Statistischem Bundesamt durchschnittlich ein um 53 Prozent niedrigeres Alterssicherungseinkommen als Männer (neue Bundesländer 28 Prozent der Frauen, alte Bundesländer 58 Prozent). Jung: „Damit gehört Deutschland zur Spitze beim Vergleich geschlechtsspezifischer Rentenungleichheit in Mitteleuropa.“ Bereits 2014 erhielten 25 Prozent dieser Rentnerinnen weniger als 900 Euro Rente. Diese Entwicklung habe sich mittlerweile verstärkt.

Dagmar Jung erklärt die Benachteiligung der Frauen im Alter auch mit der ungleichen Bezahlung von Frauen im Berufsleben. „Berufstätige Frauen verdienen immer noch im Durchschnitt rund 22 Prozent weniger für vergleichbare Tätigkeiten als Männer.“ Klassische Frauenberufe im Bereich von Erziehung und Pflege etwa waren in der Vergangenheit deutlich schlechter bezahlt als männlich geprägte Ausbildungsberufe. Jung: „Entsprechend mager fallen dann auch die Renten aus. Jede Lebensentscheidung der Frauen zu Lasten eigener Berufstätigkeit schlägt sich in geringeren eigenen Alterssicherungsleistungen nieder. Und ein Blick in die Zukunft stimmt nicht optimistisch: im Jahr 2017 war fast jede zweite Frau teilzeitbeschäftigt. An der Armutssituation von Frauen im Alter wird sich also voraussichtlich wenig ändern, wenn keine grundsätzliche Rentenreform erfolgen wird.“

Die Diakonie Hessen setzt sich für gerechte Entlohnung und eine Reform des Rentenrechts ein. „Wir möchten, dass sich die Menschen auf armutsfeste Alterseinkünfte verlassen können", sagt Dagmar Jung. "Dies muss wieder gewährleistet sein. Bei Frauen müssen deren gesellschaftlich erwünschte Erziehungs- und Pflegezeiten in höherem Maße berücksichtigt werden als bisher.“

Weitere Informationen

Der Diakoniesonntag am 15. September 2019 steht unter dem Motto: Armut im Alter. In der Arbeitshilfe zur Gestaltung eines Gottesdienstes finden Sie weitere interessante Informationen zum Thema Alt, arm, einsam?.

 

 

Hintergrund

Die Alterseinkünfte der über 65jährigen Rentenbezieher*innen sind das Ergebnis der Rollenteilung, für die sich diese Generationen während ihres Berufslebens entschieden hatten. Dieses traditionelle Rollenmodell sah einen männlichen Alleinverdiener vor, dessen Ehefrau für die Haushaltsführung, die Kindererziehung und die Pflege alter Familienangehöriger zuständig war. Frauen blieben deshalb viele Jahre ohne regelmäßiges eigenes Einkommen und wenn sie etwas „hinzu“verdient haben, dann eher in Teilzeitbeschäftigungsverhältnissen.

Da die individuellen Alterseinkünfte von den gezahlten Beiträgen abhängig sind (Äquivalenzprinzip), ist die Entgelthöhe der beruflichen Einkünfte von Frauen mitentscheidend für die spätere Rentenhöhe. Bei den Altersrentenbeziehern ist die Zahl der Frauen deutlich höher ist als die der Männer – das liegt an deren kürzerer Lebenszeit – und deshalb wirkt sich die Höhe ihrer Einkünfte auch stärker auf die Ermittlung der durchschnittlichen Altersrenten aus. Dies ist der wichtigste Faktor für die aktuell in den Medien skandalisierte Höhe der allgemeinen Alterseinkünfte. Den skandelträchtigen Durchschnittsbetrag von 900 Euro für die Hälfte der Rentenbezieher*innen muss man jedoch relativieren durch einen Blick auf die durchschnittlichen Haushaltseinkünfte von alten Paaren. Hier liegt der Betrag in den alten Bundesländern derzeit bei 2.572 Euro netto.

Sie möchten mehr zur Rentensituation in Deutschland erfahren? Dann lesen Sie auch die Stellungnahme (Download pdf) unseres Bundesverbands Diakonie Deutschland mit Lösungsansätzen, wie eine Gesetzliche Rentenversicherung aussehen sollte. 

Das Bündnis für Soziale Gerechtigkeit in Hessen macht sich mit einer Kampagne gegen Altersarmut stark. Die Diakonie Hessen ist Teil des Bündnisses:www.soziale-gerechtigkeit-hessen.de