August 2019

Fünf Fragen – Fünf Antworten

Neue Zahlen zur Wohnungslosigkeit in Deutschland veröffentlicht / Stefan Gillich, Experte für Wohnungslosigkeit bei der Diakonie Hessen, gibt eine Einschätzung


Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) hat die neueste Schätzung zur Zahl der wohnungslosen Menschen in Deutschland veröffentlicht. 650.000 Menschen waren demnach im Laufe des Jahres 2017 ohne Wohnung – deutlich weniger als noch für das Jahr 2016 angenommen wurde. Stefan Gillich, Referent für Wohnungslosenhilfe bei der Diakonie Hessen, erklärt, wie das kommt und was das bedeutet. 

Herr Gillich, wie kommt es, dass von der BAG W veröffentlichten Wohnungslosenzahlen für 2017 niedriger sind als im Jahr zuvor?

Die – im Verhältnis zur letzten Prognose – niedrigeren Zahlen für 2017 von nunmehr 650.000 wohnungslosen Menschen haben ihre Ursache in einem verbesserten Berechnungsfaktor. Die in Nordrhein-Westfalen empirisch erhobenen Zahlen, werden auf Gesamtdeutschland hochgerechnet. Nichtsdestotrotz ist die aktuelle, von der BAG W veröffentlichte Zahl immer noch erschreckend hoch.

Wie viele Menschen leben tatsächlich auf der Straße?

Bundesweit leben ca. 48.000 Menschen ohne jede Unterkunft auf der Straße, nächtigen in Tiefgaragen oder in Parks, haben keinen Schutz. Wer einmal aus der Wohnungsversorgung ausgeschlossen ist, hat kaum Chancen auf eine bezahlbare Wohnung. Wer zeitlich befristet bei Kumpels, Bekannten oder Freunden übernachtet, muss immer damit rechnen, rausgeworfen zu werden.

Was bedeutet die Erfassung der Wohnungslosendaten für Ihre Arbeit?

Wenn keine konkreten Zahlen zur Anzahl, Umfang und Struktur von Menschen in Wohnungslosigkeit vorliegen, fällt es schwer, konkrete Hilfe und Unterstützung zu leisten. Für Hessen liegen noch immer keine offiziellen Zahlen zur Wohnungslosigkeit vor. Seit Jahren fordern wir vom Land Hessen, die Wohnungslosenzahlen statistisch zu erfassen, so wie es auch in Nordrhein-Westfalen geschieht.

Wie werden die Zahlen in Hessen zurzeit erfasst?

In Hessen gibt es keine landesweite umfassende Wohnungsnotfallberichterstattung. Gesicherte Informationen über Umfang, Struktur und Hilfen für Menschen in Wohnungsnotlagen liegen ebenso wenig vor wie eine Übersicht über die Anzahl wohnungsloser Menschen. Die Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen erfasst daher alle zwei Jahre flächendeckend diejenigen Menschen, die an einem bestimmten Tag (dem Stichtag) die Dienste und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe der ihr angeschlossenen Verbände in Anspruch nehmen bzw. aufsuchen.

Was müsste sich in Hessen ändern?

Die Diakonie fordert für Hessen zwingend ein landesweites „Aktionsprogramm Wohnungslosigkeit überwinden“ mit einer Laufzeit von 4 Jahren und einem Volumen von 17 Millionen Euro. Dazu gehören ergänzend der Aufbau von Fachstellen zur Verhinderung von Wohnungsverlusten in den Landkreisen, Akquise von Wohnungen oder aufsuchende und wohnbegleitende Hilfen. Weitere Infos zum Aktionsprogramm

Ansprechpartner zum Aktionsprogramm

Stefan Gillich, Leiter der Abteilung Existenzsicherung, Armutspolitik, Gemeinwesendiakonie, Referent für Wohnungslosenhilfe, Tel. 069 7947-6222, stefan.gillich@diakonie-hessen.de