August 2017

Gesichter der Armut

Ausstellung und Diskussion über Armut in Deutschland


Diskutierten „Thesen gegen Armut“: Dr. Felix Blaser (Diakonie Hessen), Jürgen Kaufmann (SPD), Heide Scheuch-Paschkewitz (Die Linke), Dierk Glitzenhirn (Evangelisches Forum), Michael Schär (CDU), Dr. Bettina Hoffmann (Die Grünen)
 

Diskutierten „Thesen gegen Armut“: Dr. Felix Blaser (Diakonie Hessen), Jürgen Kaufmann (SPD), Heide Scheuch-Paschkewitz (Die Linke), Dierk Glitzenhirn (Evangelisches Forum), Michael Schär (CDU), Dr. Bettina Hoffmann (Die Grünen)

Unter dem Titel „Gesichter der Armut“ hatte das Diakonische Werk im Schwalm-Eder-Kreis zusammen mit dem Evangelischen Forum Schwalm-Eder am 21. August eingeladen. Im „EinLaden“, einem Sozialkaufhaus in Homberg (Efze), das zugleich der Sitz der Homberger Tafel ist, diskutierten im Vorfeld der Bundestagswahl Betroffene und Fachleute mit Parteienvertretern.

„Unser Sozialsystem reagiert wie im Mittelalter – arme Menschen bekommen vom Wohlstand nur die Brotsamen ab“, so eröffnete Ausstellungsmacher Wolfgang Edlinger seinen Beitrag. Der Vorsitzende der Saarländischen Armutskonferenz war mit einer Gruppe aus Saarbrücken angereist, die authentische Fotos ihrer Armut zusammengestellt hatte. Der Armutsreferent des Diakonischen Werkes in Hessen, Dr. Felix Blaser aus Frankfurt (Main), stellte in seinem anschließenden Vortrag fest, dass Deutschland die höchste Vermögensungleichheit in der Eurozone habe. Auch bestehe kein Anlass, von einem nur geringen Anstieg der Armut zu sprechen, allein in Hessen seien in den letzten zehn Jahren etwa 160 000 Personen dazu gekommen, das entspreche 14,4 Prozent der Bevölkerung“, so Blaser. Er bezeichnete das als „höchst bedenklich“. Armut sorge dafür, dass Menschen Alltagsgüter und Teilhabemöglichkeiten fehlten. Sie löse Gefühle von Scham und Ohnmacht aus und sorge letztlich statistisch auch für eine geringere Lebenserwartung.

Von politischer Seite platzierten sich die Diskutanten Dr. Bettina Hoffmann (Vorstandssprecherin des des Kreisverbandes der Grünen), Vizelandrat Jürgen Kaufmann (SPD), Michael Schär (Geschäftsführer der CDU) und Heidemarie Scheuch-Paschkewitz (Landesvorsitzende der Linken) im Gespräch mit Moderator Pfarrer Dierk Glitzenhirn (Evangelisches Forum Schwalm-Eder). Markante politische Forderungen wurden benannt: nach einer Mindestrente (Grüne, Linke), einem Grundeinkommen (Grüne), nach armutsfesten sozialen Zuweisungen (alle) und privater Vorsorge für das Alter (CDU). Unterschiedlich akzentuiert wurden die Fragen, wie sehr persönliche Leistung in die Grundversorgung einzugehen habe, ob „mehr oder weniger Staat“ nötig sei und ob Sanktionen auf dem Arbeitsmarkt der richtige Weg seien. Biografische Erzählungen und Begegnungen mit Armut wurden ins Gespräch gebracht.

Aus dem Publikum kamen Nachfragen und auch emotionale Statements, besonders als seitens des Podiums klischeehaft über Arme gesprochen wurde. Dekan Christian Wachter, der Vorsitzende des Diakonischen Werkes Schwalm-Eder, spitzte angesichts der extremen Zunahme der Armut unter Alleinerziehenden zu, dass im Wahlkampf viele schöne Worte über den Wert von Kindern gefunden würden, aber gerade Kinder ein erhebliches Armutsrisiko darstellten. Es sei nötig, durch neue Regelungen, „die Würde von Familien“ zu unterstützen. Dr. Felix Blaser benannte, dass 90 Prozent der Hessen den Gegensatz von Arm und Reich als einen Konflikt bewerteten und gab die abschließende Empfehlung, sich angesichts der Wahl zu fragen: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“