November 2018

Kinderarmut in Hessen nachhaltig bekämpfen: „Investitionen in die Kinderbetreuung sind unvermeidlich“

Erklärung der Nationalen Armutskonferenz zur Kinderarmut / Dr. Felix Blaser, Referent für Armutspolitik bei der Diakonie Hessen, über die Hintergründe und Kinderarmut in Hessen


Die Nationale Armutskonferenz (nak) und die im „Ratschlag Kinderarmut“ zusammengeschlossenen Verbände fordern in einer gemeinsamen Erklärung die Bundesregierung auf, die Armut von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien wirksam und zielgerichtet zu bekämpfen. Die Diakonie Hessen hat die Erklärung unterzeichnet. Dr. Felix Blaser, Referent für Armutspolitik bei der Diakonie Hessen, erklärt die Hintergründe, wie die Situation für Kinder, Jugendliche und Familien in Hessen aussieht und was die künftige Landesregierung ändern kann.

Herr Dr. Blaser, die Diakonie Hessen unterstützt ausdrücklich die Erklärung der Nationalen Armutskonferenz. Warum ist die Erklärung nötig?
Kurz gesagt: Weil Kinder, Jugendliche und Familien, die von Armut betroffen sind, politisch zu wenig Beachtung finden. Wir erleben auf Bundes- und Landesebene seit längerem, dass die Armut bei Kindern, Jugendlichen und Familien zunimmt. Wirksame Maßnahmen gegen diese Entwicklung fehlen allerdings. Die gemeinsame Erklärung zeigt zum einen, wie groß das Problem ist und was es für Kinder und Jugendliche konkret bedeutet, von Armut betroffen zu sein. Zum anderen bietet sie eine Reihe von Forderungen, wie Kinderarmut nachhaltig bekämpft werden kann. Kinder sind unsere Zukunft und sie haben ein Recht auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit, auf soziale Teilhabe und soziale Sicherung. Damit diese Rechte auch endlich von der Politik aufgenommen und umgesetzt werden, ist diese gemeinsame Erklärung notwendig.

Wie sieht die Situation für Kinder, Jugendliche und ihre Familien in Hessen aus?
Laut der amtlichen Sozialberichterstattung lag die Armutsgefährdungsquote in Hessen im Jahr 2017 bei den unter 18-Jährigen bei 20,3 Prozent. Das heißt rund ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen wächst in Hessen in Armut auf. Dabei sind natürlich regionale Unterschiede zu beachten. Insgesamt liegt die Quote jedoch deutlich höher als bei der Gesamtbevölkerung (15,4 Prozent).

Wer in Hessen von Armut bedroht ist, muss oft mit beengtem Wohnraum auskommen, hat weniger Geld für gesundes Essen, wird häufiger krank und erlebt, dass er bei vielem, was für andere „normal“ ist, nicht mitmachen kann. Für Kinder und Jugendliche kann das die Einladung von Freundinnen oder Freunden zum Essen sein, der Schwimmbad- oder Kino-Besuch oder der Urlaub mit den Eltern. Dazu kommt, dass Kinder und Jugendliche, die von Armut betroffen sind, schlechtere Bildungschancen haben. Zwei Drittel der von Armut betroffenen jungen Menschen verfügen auch später als Erwachsene nur über ein geringes oder gar kein Einkommen. Die Situation für Kinder, Jugendliche und ihre Familien ist dadurch oft deprimierend. Denn Armut macht ohnmächtig.

Wie können die Kindergärten und Schulen in Hessen konkret Kinder in Armut unterstützen?
Die Schulen in Hessen können auf unterschiedlichen Ebenen aktiv werden. Auf struktureller Ebene ist das kostenfreie Angebot von Mittagessen sicherlich einer der wichtigsten Faktoren. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung sieht vor, dass diese Änderung umgesetzt wird. Ich frage mich, wann es soweit sein wird. Auf personeller Ebene sind die Lehrkräfte gefragt. Kinder, die von Armut betroffen sind, brauchen eine andere Einführung und Begleitung in unseren Bildungsinstitutionen. Das fängt im Kindergarten an und geht in der Schule weiter. Die Diakonie Hessen wirkt derzeit in einem Forschungsverbund von Fröbelseminar und Universität Kassel an der Erarbeitung von Curricula mit, die die Wahrnehmung und den Umgang mit Armut in der Ausbildung von Erzieherinnen thematisieren. Die persönliche Begleitung als ein Ausweg aus der Armut ist nicht hoch genug einzuschätzen. Sie hilft von Armut betroffenen Kindern und Jugendlichen, eigene Ressourcen zu entdecken und zu entwickeln.

In der Erklärung wird u.a. die Infrastruktur vor Ort als notwendiges Handlungsfeld angeführt. Was sollte unsere künftige Landesregierung hier verbessern?
Soll die Armut von Kindern und Jugendlichen nicht weiter zunehmen, bzw. verhindert werden, sind in Hessen Investitionen in eine umfassende Kinderbetreuung unvermeidlich. Hierzu gehören ein weiterer Ausbau von U3- und U6-Angeboten, eine Verstärkung von Sozialarbeit und -pädagogik in Kindertagesstätten, Grund- und weiterführenden Schulen, sowie der Ausbau der Ganztagsversorgung in Schulen. Die künftige Landesregierung sollte sich die kind- und familienbezogene Armutsprävention in den Kommunen ganz oben auf ihre Aufgabenliste setzen. Schließlich hatten wir in den Jahren 2010 bis 2017 einen Anstieg der Kinder- und Jugendarmut um fünf Prozentpunkte. Wir von der Diakonie Hessen wollen, dass sich diese Entwicklung umkehrt!

Eine der Forderungen der nak ist die Ermittlung eines einheitlichen Existenzminiums und valide Zahlen. Wie sieht es in Hessen aus?
Eine valide Sozialberichterstattung ist unverzichtbar für eine zielgerichtete Sozialpolitik. Der Zweite Hessische Sozialbericht, der Ende 2017 veröffentlicht wurde, bildet noch kein umfassendes Bild der sozialen Lage in Hessen ab. Extreme Armut oder Reichtum werden statistisch nur unzureichend erfasst. Reine Lageberichte reichen nicht aus. Wir drängen darauf, dass die betroffenen Menschen selbst zu Wort kommen und ihre persönliche Wahrnehmung in die Erhebung einfließen kann. Auch hier gibt es Handlungsbedarf in Hessen.

Wo sehen Sie noch Nachbesserungsbedarf?
Die Bundesregierung sollte endlich das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes ernst nehmen und dafür sorgen, dass das soziokulturelle Existenzminimum von Kindern durch die Regelleistungen der Sozialhilfe gedeckt wird. Die bisherige Berechnung des Regelbedarfs ist methodisch unzulänglich und fällt dadurch zu niedrig aus. Gerade Kinder und Jugendliche sollten jedoch das bekommen, was sie zu einem gesunden Aufwachsen benötigen.

Bekämpfung von Kinderarmut muss Priorität haben! Die gemeinsame Erklärung von Nationaler Armutskonferenz, Kinder-, Familien- und Wohlfahrtsverbänden können Sie hier als PDF herunterladen.