Oktober 2019

Mutig wie ein Löwe

Fortbildung zum Umgang mit trauernden Kindern


Im Tandem trauernde Kinder begleiten: Bei einem Pilotprojekt der Diakonie Hessen werden Teams aus jeweils einer pädagogischen Fachkraft und einem Mitarbeitenden aus Seelsorge oder Hospizarbeit ausgebildet.

Wer Kinder betreut und unterrichtet, begegnet auch ihrer Trauer. Denn wenn Kinder den Tod der Großeltern miterleben, wenn ihr Haustier stirbt oder sie einen toten Vogel auf dem Spielplatz entdecken, weckt das bei ihnen vielfältige Gefühle und wirft für sie dringende Fragen auf. „Kinder brauchen dann Erwachsene, die ihre Gedanken und ihre Trauer wahrnehmen und entsprechend ihrem Entwicklungstand auf sie eingehen“, sagt Religionspädagogin Christine Stockstrom. Die Trauerbegleiterin und klinische Seelsorgerin aus Hann. Münden in Niedersachsen ist eine der beiden Dozentinnen beim Pilotprojekt „Mein Freund der Taschenlöwe – Mit Kindern einen Rucksack voller Power für Sterben, Tod und Trauer packen“ der Diakonie Hessen.

Allein mit ungeklärten Eindrücken

Damit Kinder angemessen begleitet werden können, bietet die Diakonie Hessen bei diesem Projekt eine dreitägige Fortbildung für Menschen an, die mit Kindern arbeiten. Bei ihr werden die Teilnehmenden als Zweier-Team ausgebildet, dem jeweils eine Fachkraft aus Schule und Kita sowie ein Pfarrer oder eine Pfarrerin oder ein Mitarbeitender aus Hospiz- und Trauerdienst angehören. An ihren Wirkungsstätten nehmen sie später vor Ort die Aufgaben als Duo gemeinsam wahr und ergänzen sich damit bei der Trauerbegleitung von Kindern.

Eltern und Angehörige wollten Kinder oft vor dem einschneidenden Thema „Tod“ bewahren, das ist die Erfahrung von Diakonin und Trauerbegleiterin Annette Wagner vom Verein „traurig-mutig-stark“ im nordrhein-westfälischen Witten. „Kinder werden dann nicht selten aus Gesprächen ausgegrenzt und bleiben allein zurück mit aufgeschnappten Gesprächsfetzen und ungeklärten Eindrücken“, sagt die Dozentin des Projekts „Taschenlöwen“.

Zu zweit an der Seite der Kinder

Oft seien Familienangehörige bei einem Trauerfall selbst befangen und hätten nicht immer die Kraft, den Kindern zur Seite zu stehen, ergänzt Christine Stockstrom. „Da die Kinder dann ihre Gedanken, Gefühle und Fragen mit in Kindertagesstätte oder Schule bringen, ist es wichtig, dass sie dort adäquate Begleitung finden.“ Diese sollen nun die beim Projekt „Taschenlöwen“ ausgebildeten Teilnehmer bieten, wenn sie sich etwa als Team aus Lehrer und Pfarrerin oder Erzieherin und Trauerbegleiter gemeinsam um ein betroffenes Kind kümmern.

Jedes ausgebildete Tandem erhält dafür einen Koffer mit Materialien geschenkt, dessen Inhalt zuvor beim Seminar ganz praktisch durchgearbeitet worden ist. Im Koffer liegen unter anderem Bücher bereit, die sich kindgemäß und altersgerecht mit Trauer, Tod und Sterben beschäftigen, es gibt Gebete und Lieder für haltbietende Rituale. In den gepackten Taschen findet sich ebenso der Plüschlöwe als Zeichen für den Mut und die Energie, die trauernde Kinder benötigen. Auch Instrumente, bunte Stifte und Bastelpapier für das kreative Darstellen eigener Gefühle sowie Kerzen, Taschentücher oder Traubenzucker als Energiespender gehören zu den Materialien.

Ein ganz persönlicher Rucksack

„Mit dem Koffer geben wir den Teilnehmenden ein Konzept an die Hand, der ihnen als Leitfaden für die Trauerbegleitung und als Einstieg in das Gespräch über Tod und Sterben mit Kindern dient“, sagt Dozentin Christine Stockstrom. Jedes Team erhält außerdem kleine Rucksäcke, die sich die Kinder mit Gegenständen füllen können, die ihnen wichtig sind: Da gibt es zum Beispiel die Feder als Symbol für einen guten Wunsch, einen Stein als Sinnbild für die oft gefühlten Bauchschmerzen oder einen Knautschball, an dem Wut und Zorn ausgelassen werden können.

Zum Projekt „Taschenlöwen“ gehören nicht nur die Materialien: „Die Menschen, die vor Ort zusammenarbeiten werden, sollen sich bei unserem Seminar intensiv kennenlernen und vor allem ihren eigenen Umgang mit Trauer und Sterben aufarbeiten“, erklärt Christine Stockstrom. Sie hatte den Bedarf für diese Ausbildung erkannt und sich an Carmen Berger-Zell, Referentin für Theologie, Ethik, Hospizarbeit und Sterbebegleitung der Diakonie Hessen gewandt. Das Referat bildet regelmäßig Menschen in der Sterbe- und Trauerbegleitung aus und weiter. Dank der Unterstützung des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration, des Stiftungsfonds Diadieu der Stiftung Diakonie Hessen und der Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck war dann auch die Fortbildung „Taschenlöwen“ möglich. „Dafür sind wir überaus dankbar, denn es ist wichtig, die Menschen für ihren bedeutsamen Dienst umfassend zu qualifizieren“, sagt Pfarrerin Carmen Berger-Zell.

Gestärkt und tatkräftig

Die ersten acht „Taschenlöwen-Teams“ haben Annette Wagner und Christine Stockstrom schon im diakonischen Begegnungszentrum Sonneck in Marburg ausgebildet. Und deren Rückmeldungen seien überaus positiv gewesen, berichtet Annette Wagner: „Die Teilnehmenden fühlen sich gestärkt und wollen nun tatkräftig und gerne ihre Aufgaben übernehmen.“

Ein zweiter Kurs findet Ende Oktober 2019 statt. Das Pilotprojekt wird danach ausgewertet. Die Teilnehmenden werden dafür im kommenden Jahr zu einem Auswertungsgespräch zusammenkommen und über ihre Erfahrungen berichten. „Davon hängt dann auch ab, ob diese Form der Fortbildung erneut von uns angeboten werden kann“, erklärt Carmen Berger-Zell.