November 2020

Opfer von Gewalt stehen vor dem Nichts

Diakonie Hessen fordert mehr Rechte für Frauen, die Opfer von Gewalt wurden – Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November


In vielen Familien und Partnerschaften haben mit der Corona-Pandemie die Konflikte und damit auch die Gewalt zugenommen, so eine erste Einschätzung des hessischen Justizministeriums im Juli. Von Gewalt betroffen sind vor allem Frauen und dies über alle Altersklassen, Herkunft und Schichten verteilt. Der mit der Pandemie erwartete massive Zulauf von Frauen zu Frauenhäuser und Beratungsstellen blieb zwar bisher weitgehend aus. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Probleme „hinter verschlossener Tür“ keinesfalls weniger geworden, sondern nur weniger sichtbar sind. Mit validen Zahlen ist jedoch erst im nächsten Jahr zu rechnen.

Zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen am 25. November sagt Carsten Tag, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen:

„Dass Frauen Opfer von Gewalt in der Partnerschaft werden, ist nicht erst seit Corona so. Die Frauen in Not sollen wissen: Die Frauenhäuser in Hessen sind auch in Corona-Zeiten weiter offen. Aber die Häuser stoßen ohnehin schon an ihre Grenzen. Aktuell sind nur noch wenige Plätze in fünf von insgesamt 32 Frauenhäusern in Hessen frei. Nun ist es an der Landesregierung deutlich mehr Frauenhausplätze und die nötigen Fachkräfte zu fördern.“

Frauen und Kinder sollten ihr Zuhause nicht verlieren

„Viele Bewohnerinnen müssen länger bleiben als nötig, da die Suche nach bezahlbarem Wohnraum oft erfolglos bleibt“, sagt Carsten Tag weiter. „Zudem kommt: Frauen und ihre Kinder werden zu ihrem Schutz aus ihrem vertrauten Umfeld gerissen und stehen vor dem Nichts, während die Männer in ihren Wohnungen bleiben können. Aus Angst vor Armut und Obdachlosigkeit zieht so manche Frau zurück zu ihrem gewalttätigen Partner. Wir appellieren deshalb an die Politik, den von Gewalt betroffenen Frauen und gegebenenfalls ihren Kindern das Recht zuzusichern, in ihren Wohnungen bleiben zu können. Frauen, die Gewalt erfahren haben, dürfen nicht auch noch ihr Zuhause verlieren. Dies wäre ein wichtiges Signal und würde den Frauen einen sicheren Rahmen und die nötige Zuversicht geben, die sie für diesen wichtigen Schritt brauchen.“

Lesen Sie auch das Gespräch mit der Leiterin des Frauenhauses „Haus für Frauen in Not“ des Diakonischen Werks Wiesbaden

HINTERGRUND

Gewalt gegen Frauen – Situation in Deutschland und Hessen 

Die europäische Grundrechteagentur stellte in einer Studie mit insgesamt 42.000 Frauen zwischen 18 und 74 Jahren fest, dass jede dritte Frau in Deutschland seit ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal in ihrem Leben Erfahrung mit physischer und/oder sexualisierter Gewalt gemacht hat. Besonders in Partnerschaften sind die Opfer mit 98,4 Prozent überwiegend weiblich. In Deutschland ist die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt in 2019 weiter gestiegen, so das Ergebnis der Kriminalstatistischen Auswertung zu Partnerschaftsgewalt des Bundeskriminalamts. Bundesweit gab es 141.792 gemeldete Fälle; die Experten gehen von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus. Allein in Hessen gab es 2018 fast 9.000 gemeldete Fälle von häuslicher Gewalt.

Für 2020 gibt es bisher nur stichprobenartige Befragungen von Frauen in Hessen. Das Justizministerium Hessen ging allerdings schon im Juli, durch die anhaltende und steigende Belastung der Pandemiebestimmungen, von einer Verschärfung der häuslichen Konflikte aus. In den ersten drei Monaten waren in Hessen bereits 756 Anträge auf Grundlage des Gewaltschutzgesetzes eingegangen. Dieser kann gestellt werden, um ein Kontaktverbot zum Täter zu erwirken.

Neben dem Frauenhaus der Diakonie Hessen in Wiesbaden bieten 31 weitere Frauenhäuser in Hessen Frauen Schutz. Sie finden hier ein kurzfristiges Zuhause und spezielle Angebote, um die oftmals traumatisch erlebten Gewaltsituationen zu verarbeiten.

Beratungen für Frauen in Not

Sie haben Gewalt erfahren und suchen eine Beratungsstelle in Ihrer Nähe?

Über das Hilfetelefon unter 08000 116 016 werden Frauen bei jeglicher Form von Gewalt in 18 Sprachen beraten. Bei sexualisierter Gewalt/Missbrauch kann man sich an das Hilfetelefon „Sexueller Missbrauch“ wenden unter 0800 22 55 530.

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