November 2020

Schau hin (MK 6,38)

Ethischer Impuls "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei." Wenn der Gesundheitsschutz in Pflegeeinrichtungen zu Abschottung führt


Die Abteilung "Gesundheit, Alter, Pflege" der Diakonie Hessen gibt mit "Schau hin (MK 6,38)" einen ethischen Impuls heraus. Er richtet sich an die Pflegeverantwortlichen in der Zeit von Corona und soll Denkanstöße geben bei dem schwierigen Abwägen zwischen Gesundheitsschutz und individueller Selbstbestimmung in Pflegeeinrichtungen.

Die Broschüre steht zum Download bereit (Broschüre zum Download) oder kann gerne im Shop auf www.diakonie-gap.de als Printexemplar kostenlos bestellt werden.

Vorwort von Pfarrer Carsten Tag, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen:

Die Pandemie stellt uns vor eine in unserer Lebenszeit nicht dagewesene Herausforderung, die unserem menschlichen Grundbedürfnis nach einem selbstbestimmten Leben und der Nähe zu vertrauten Personen entgegensteht. Besonders hart betroffen sind hiervon die Bewohner*innen in Pflegeeinrichtungen, die zum Teil wochenlang nicht besucht werden durften. Durch die enge fachliche Begleitung unserer Mitglieder erhalten wir regelmäßig Einblicke in deren Praxis
und Nöte. Wir haben exemplarische Erfahrungen und Positionen aus unterschiedlichen Perspektiven gesammelt, die das ethische Dilemma aufzeigen, in dem Pflegeverantwortliche sich befinden. Unser Augenmerk legen wir dabei
auf die bisherigen, teilweise schwer erträglichen Beschränkungen, die aufgrund des Infektionsschutzgesetzes und daraus abgeleiteter rechtlicher Vorgaben umgesetzt werden mussten. Und diese Umsetzungspraxis war und ist keineswegs einheitlich, wie nachfolgende Praxisbeispiele auch zeigen.

Ralph Brinkhaus, Vorsitzender der CDU/CSUFraktion, wies in seiner Bundestagsrede zur Entscheidung der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten der Länder über einen Teil-Lockdown am 29.10.2020 in die richtige Richtung: »Freiheit ist nicht nur die Freiheit der Starken und Jungen, sondern auch der Alten und Schwachen.« Die Auseinandersetzung darüber, wie Pflegeeinrichtungen – im andauernden, hoch belastenden Krisenmodus arbeitend – diesen Freiheitsbegriff unter Pandemiebedingungen realisieren, bildet die Klammer der nachfolgenden Beiträge. Im Anschluss an die Reflektion aus der Fachabteilung unseres Verbandes über eine aktuell veränderte Pflegepraxis folgt ein Beitrag von Peter Dabrock. Der ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrates lenkt den Blick auf die pflegebedürftigen Menschen selbst. Die Autorin Cornelia Coenen-Marx ruft uns zu Kreativität für Lebensqualität auf. Die Tochter einer demenzkranken Pflegeheimbewohnerin schildert, wie sie die Zeit erlebt hat, in der sie ihre Mutter nicht besuchen durfte. Dass sich auch der Alltag von Menschen mit Demenz, die zu Hause betreut werden, stark verändert, zeigt ein Beispiel aus Wiesbaden. Danach geben zwei Leitungskräfte aus stationären Einrichtungen Auskunft über ihre durchaus unterschiedlichen Schutzkonzepte und zu der Herausforderung, den Gesundheitsschutz so vieler Menschen verantwortlich zu managen. Der anschließende Text thematisiert die Folgen der Schließung von Tagespflegeeinrichtungen. Abgeschlossen wird die Sammlung mit einem Beitrag zur Bedeutung der Seelsorge in Pandemiezeiten, mit einer Aufforderung dazu, coronabedingte diakonische Wert- und Zielkonflikte offen zu thematisieren.

Die vorliegende Broschüre versteht sich als Denkanstoß. Wir wollen alle Pflegeverantwortlichen ermutigen, das schwierige Abwägen zwischen allgemeinem Gesundheitsschutz und individueller Selbstbestimmung in Pflegeeinrichtungen öffentlich zu machen. Das schließt die Mitarbeiterschaft der Pflegeorganisationen genauso ein wie Angehörige, Vertreter der Politik und von Behörden, insbesondere dem öffentlichen Gesundheitsdienst.

Gemeinsam teilen wir die Hoffnung, diese Pandemie zu bewältigen und später darauf zurückzublicken im Bewusstsein, dass wir trotz schwierigster Bedingungen nicht nachgelassen haben, unsere menschenfreundlichen christlichen
Prinzipien und Leitbilder zu vertreten.

Pfarrer Carsten Tag
Vorstandsvorsitzender
der Diakonie Hessen