September 2020

Videokonferenz statt Begegnungstreffen

Flucht und Europa - Schaut hin!


Bei den Begegnungsreisen informierten und vernetzten sich haupt- und ehrenamtlich Engagierte in der Flüchtlingsarbeit aus Hessen mit Initiativen und Gruppen in den vier bereisten Ländern. Vernetzung war noch nie so wichtig wie in diesen Zeiten der Abschottung und Abschiebung, meinte die Pfarrerin für Friedensarbeit im Zentrum Oekumene Sabine Müller-Langsdorf und lud ersatzweise zur Video-Konferenz ein.

Die Bedingungen in Griechenland, Italien, Serbien und Ungarn sind sehr unterschiedlich, wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Video-Schalte in ihren aktuellen Länderberichten deutlich machten. Doch eines ist überall zu beobachten. Die Stimmung gegenüber Flüchtlingen und Flüchtlingsinitiativen hat sich dramatisch gedreht. Sie sind mit offener Ablehnung und Aggression konfrontiert, mitunter kommt es zu Gewalt allen voran in Griechenland.

Griechenland: Flüchtlingslager sind europäische Angelegenheit

Ausgerechnet die Mitarbeitenden von Lesvos Solidarity mussten kurzfristig ihre Teilnahme absagen. Nach dem Brand in Europas größtem Flüchtlingslager Moria stehen sie unter erheblichen Druck. Die Behörden drohten jetzt damit, das von ihnen betriebene Flüchtlingscamp Pikpa auf Lesbos zu schließen. Dafür berichteten Gabriella Sampsonidou und Dr. Petros Panajatopoulos vom Hilfsprojekt „Naomi“ in Thessaloniki über die aktuellen Entwicklungen. Sie beklagten, dass massenhaft fake news verbreitet und Muslime vielfach als Gefahr für Griechenland dargestellt würden. Es gebe eine weit verbreitete Angst vor Flüchtlingen. Das habe sich durch die Coronakrise noch verstärkt. Von Fortschritten bei der Integration von Flüchtlingen könne keine Rede sein. „Wir machen seit 2015 nur Notfallhilfe“, sagte Gabriella und betonte, dass die Flüchtlinge auf den Inseln der Ost-Agäis keine rein griechische, sondern eine europäische Angelegenheit seien.

Italien: Kaum Kontakte zu neu ankommenden Flüchtlingen

Giovanna Scifo aus Scicli auf Sizilien, die sich dort im Casa delle Culture, einem von der Föderation evangelischen Kirchen in Italien geförderten Projekt engagiert, sagte, dass sie neu ankommenden Flüchtlinge kaum mehr zu Gesicht bekäme. Sie würden in den Hotpots oder auf Schiffen untergebracht ohne Kontakt zur Bevölkerung. Doch genau dieser Kontakt sei für eine erfolgreiche Integration von entscheidender Bedeutung. Das habe das Casa delle Culture über Jahre in der Arbeit mit Flüchtlingen unter Beweis gestellt.

Serbien: Flüchtlinge wollen nicht bleiben

Marija Vranesevic von Philantropy, einer diakonischen Einrichtung der orthodoxen Kirche Serbiens, berichtete von Gewalt gegen Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach West-Europa von Bosnien mitunter brutal nach Serbien zurückgeschickt würden. Sie kritisierte auch, dass viele Flüchtlinge keinen „realistischen Blick“ auf ihre Situation hätten. Statt in Serbien zu bleiben und dort eine Lebensperspektive zu entwickeln, seien sie auf das Ziel Deutschland fixiert. „Ich habe keine Lösung“, räumte Marija ein.

Ungarn: Grenzen für Flüchtlinge dicht

Pfarrer Balász Ódor von der Reformierten Kirche Ungarns erklärte, dass Regierungschef Orban mit seiner Politik der Abschottung sehr erfolgreich sei – nicht allein in Ungarn, sondern auch mit Blick auf die EU. Die jetzt vorgestellten neuen Pläne der EU-Kommission für eine Reform des europäischen Asylsystems mit Rückführungspatenschaften statt Flüchtlingsaufnahme wurden denn auch von Ungarn ausdrücklich begrüßt. Auch Dora Kanizsai-Nagy, die für das Hilfsprojekt der Reformierten Kirche „Kalunba“ in Budapest tätig ist, beklagte, dass die ungarischen Grenzen für Flüchtlinge dicht seien. Wer es dennoch schaffe, wolle weiter nach Westeuropa.

Deutschland: Corona, Dubliner und Rettungsschiff

Hildegund Niebch von der Diakonie Hessen kritisierte die Situation in den Aufnahmezentren in Deutschland. Sie seien zu Corona-Hotspots geworden. Wer sich mit mehreren Menschen ein Zimmer teile, könne keinen Abstand halten. Maria Bethke, die in der Flüchtlingsberatung der Diakonie Hessen tätig ist, wies auf die rechtlichen Probleme bei der Umsetzung der Dublin-Verordnung hin, nach der geregelt wird, welcher EU-Mitgliedstaat für ein Asylverfahren zuständig ist. Derzeit würden mehr als 21.000 „Dubliner“ in Deutschland wegen Corona nicht in andere EU-Staat zurückgeschickt. Obwohl der Zeitraum überschritten werde, innerhalb der die Rückführung abgeschlossen sein müsse, wollten die deutschen Behörden an der Abschiebung festhalten. Erfreuliches konnte dagegen Doris Peschke von der Diakonie Hessen mitteilen: zum einen der von der Evangelischen Kirche unterstütze Kauf des Rettungsschiffes Sea Watch 4, das bereits im Mittelmeer Bootsflüchtlinge aufgenommen hatte, jetzt aber im Hafen von Palermo festliege. Zum anderen die Initiative „Sicherer Hafen“, der sich mehr als 180 Kommunen in Deutschland angeschlossen haben. Sie signalisierten damit ihre Bereitschaft, zusätzlich mehr Flüchtlingen aufzunehmen.

Einladung zum Ökumenischen Kirchentag

Der gegenseitige Austausch stärkt und gibt neue Kraft, so die einhellige Meinung am Ende der Video-Konferenz, die nach Wunsch der Beteiligten wiederholt werden soll. Möglicherweise kommt es aber auch zu einer realen Begegnung. Pfarrerin Sabine Müller-Langsdorf sprach die Einladung zum ökumenischen Kirchentag nächstes Jahr in Frankfurt aus und betonte: „In vielen Ländern Europas setzen sich Menschen für die Rechte und die Würde von Menschen ein, die vor Gewalt und Krieg fliehen. Wir brauchen diese Geschichten und Zeugnisse der Menschlichkeit, - gegen eine europäische Politik der Abschottung und gegen Fremdenangst in der eigenen Gesellschaft. Das Motto des Ökumenischen Kirchentags weist uns den Weg zu Austausch, Vernetzung, Protest gegen Unrecht: ‚Schau hin!‘“

Mehr Informationen

Der vollständige Beitrag sowie die Blog-Beiträge von den Begegnungsreisen nach Griechenland (2017), Italien (2018) sowie Serbien und Ungarn (2019) auf unserer Webseite von und für Flüchtlinge www.menschen-wie-wir.de