September 2020

Dem Virus schutzlos ausgesetzt

Wohnungslose Menschen besonders von Corona-Pandemie betroffen - Tag der Wohnungslosen am 11. September


Wohnungslose Menschen sind dem Corona-Virus schutzlos ausgesetzt. Haben sie ohnehin schon kaum Gelegenheit die nötige Hygiene und Abstand einzuhalten, sind viele notwendige Hilfen für Wohnungslose in der Corona-Zeit nur eingeschränkt zugängig. Bei steigenden Fallzahlen und sinkenden Temperaturen stellt sich die Frage, wie sich die Menschen auf der Straße vor dem Virus und seinen Auswirkungen schützen sollen. „Eine Entwicklung von Gemeinschaftsunterkünften zu Corona-Hotspots muss unbedingt vermieden werden“, sagt Carsten Tag, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen zum Tag der Wohnungslosen am 11. September. „Die Menschen auf der Straße sind gesundheitlich meist angeschlagen. Mit der kalten Jahreszeit und der weiteren Verbreitung des Virus wird es für sie nun besonders schwer.“

„Zum Schutz der Menschen auf der Straße und eines jeden selbst“

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat die Diakonie viele Leistungen ergänzend in Zelte oder Pavillons vor die Einrichtungen verlegt und die Menschen im Freien beraten. Doch im Winter wird es dafür zu kalt. Carsten Tag: „Es gehört zu unserem diakonischen Verständnis, niemanden in der Kälte stehen zu lassen. Die Notunterkünfte waren in der Vergangenheit daher meist überbelegt. Notgedrungen müssen wir nun die Belegungen zum Schutz der Bewohner*innen in den Zimmern reduzieren. Zum Glück war die Solidarität mit den wohnungslosen Menschen bisher groß.“ So haben viele Menschen und Partner wie die Eintracht Frankfurt, etwa Geld und Masken gespendet oder Essen kostenfrei an Bedürftige verteilt. „Nur gemeinsam können wir den Winter gesund überstehen: Zum Schutz der Menschen auf der Straße und eines jeden selbst.“

Hilfe für wohnungslose Menschen: „Kommunen haben es in der Hand“

„Viele Kommunen sind in den letzten Monaten endlich ihrer Rechtsverpflichtung nachgekommen und haben auch Menschen aus osteuropäischen EU-Staaten untergebracht, notfalls in Hotels und Pensionen“, sagt Stefan Gillich, Abteilungsleiter bei der Diakonie Hessen und zuständig für die Wohnungsnotfallhilfe. Auch wurde mancherorts für leistungsberechtigte wohnungslose Menschen der Tagessatz der Sozialhilfe länger als üblich gezahlt. „Leider müssen wir feststellen, dass viele Kommunen wieder dazu übergegangen sind, den Tagessatz der Sozialhilfe gegen das geltende Recht auf wenige Tage zu befristen. So werden hilfebedürftige Menschen gegen ihren Willen zum Weiterziehen genötigt“, sagt Stefan Gillich. „Die Kommunen haben es in der Hand: Ein erzwungenes Weiterziehen muss unbedingt vermieden werden. Sonst kann sich das Virus ungehindert weiterverbreiten. Wir haben gesehen, was möglich ist, wenn Menschen die ihnen zustehenden Hilfen angeboten werden. Wo es ums Überleben und die Existenzsicherung geht, gibt es keine Handlungsspielräume.“

Zum Interview mit Carsten Tag in der Frankfurter Rundschau über die Situation von wohnungslosen Menschen unter Corona und die Auswirkungen auf viele andere ohnehin schon benachteiligte Menschen

Zum Expertengespräch mit Stefan Gillich

Aktionen zum Tag der Wohnungslosen

Zum Tag der Wohnungslosen in Deutschland am 11. September macht die Diakonie Hessen in der Regel auch mit Veranstaltungen in den Einrichtungen auf das Leben wohnungsloser Menschen aufmerksam. Wegen der Corona-Schutzmaßnahmen gibt es dieses Jahr nur wenige Aktionen. Nachstehend eine Übersicht vorbehaltlich weiterer Corona-Einschränkungen:

Bensheim
10.09., 14:00 bis ca. 16:00 Uhr, Bauwagen mit Infostand des Diakonischen Werks Bergstraße auf dem Beauner Platz in Bensheim mit Informationen über Wohnen/Wohnungsnot und Obdachlosigkeit. Fotos, Geschichten und Erfahrungen können im persönlichen Gespräch und mit Abstand gehört und gelesen werden.

11.09. Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Einrichtung wird es im Zentrum der Wohnungslosenhilfe (Weidenring 35-37, Bensheim) ein Grillfest für Gäste des Hauses geben. Außerdem wird in den Fenstern der Einrichtungen für Passant*innen eine Präsentation von Bildern aus 20 Jahren Tagesaufenthalt gezeigt (11.-13. Sept.).

Marburg
11.09.: Freiwilligenaktion mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kreisverwaltung des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Gemeinsam renovieren sie die Aufenthaltsräume des Tagesaufenthalts des Diakonischen Werks Marburg-Biedenkopf (Gisselberger Str. 35, 35037 Marburg). Die Kreisverwaltung stellt ihre Mitarbeitende für diesen freiwilligen Dienst frei.

Wegen der Corona-Schutzmaßnahmen werden die Aufenthaltsräume zurzeit nicht genutzt. Aktuell steht den Besucherinnen und Besucher ein geräumiges Gastrozelt zum Aufenthalt zur Verfügung. In diesem Zelt bzw. auf dem Freigelände soll es auch Zeit und Raum für Begegnungen der freiwillig Engagierten mit wohnungslosen Besucher*innen geben.  

Gerne vermitteln wir Ihnen für Ihre Recherche und Berichterstattung die Teilnahme an den Aktionen sowie Gespräche mit Fachleuten und Betroffenen.

Hintergrund

Wohnungsnotfallhilfe Diakonie Hessen

In etwa 40.000 Beratungsgesprächen jährlich unterstützen die Mitarbeitenden in den Diensten und Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe der Diakonie Hessen Ratsuchende. Rund 250.000 Besuche und Kontakte gab es 2019 in den 85 verschiedenen Diensten und Einrichtungen für wohnungslose Menschen an 20 verschiedenen Standorten der Diakonie Hessen. Dazu gehören Fachberatungsstellen, aber auch Tagesaufenthalte mit Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, Einrichten einer Postadresse, Gelegenheit zum Wäschewaschen, zur Körperpflege oder auch zur Zubereitung von warmen Mahlzeiten. Darüber hinaus bieten Einrichtungen Übernachtungs- und Wohnmöglichkeiten oder betreutes Wohnen an. Zudem gibt es Streetwork und an sechs Standorten eine medizinische Erstversorgung.

Zahlen zur Wohnungsnotfallhilfe

In Hessen gibt es keine landesweite umfassende Wohnungsnotfallberichterstattung. Gesicherte Informationen über Umfang, Struktur und Hilfen für Menschen in Wohnungsnotlagen liegen ebenso wenig vor wie eine Übersicht über die Anzahl wohnungsloser Menschen. Die Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen erfasst daher alle zwei Jahre flächendeckend diejenigen Menschen, die an einem bestimmten Tag (dem Stichtag) die Dienste und Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe der ihr angeschlossenen Verbände in Anspruch nehmen bzw. aufsuchen. Die Diakonie Hessen ist einer von sechs Verbänden, die sich in der Liga Hessen zusammengeschlossen haben. Gemeinsam setzen sie sich für optimale soziale Rahmenbedingungen für die Menschen in Hessen ein. www.liga-hessen.de

#Wärmespenden – Spendenprojekt für Wohnungslose

Der Winter und sinkende Temperaturen sind für wohnungslose Menschen auf der Straße eine akute Bedrohung. Die Diakonie Hessen und die Landesstiftung "Miteinander in Hessen“ helfen auf der Straße lebenden Menschen speziell in der kalten Jahreszeit und haben das Spendenprojekt #WärmeSpenden ins Leben gerufen. Das Prinzip ist denkbar einfach: Jeder gespendete Betrag (bis 500 Euro) wird verdoppelt. Von den Spenden werden den Menschen etwa winterfeste Schlafsäcke und Isomatten zur Verfügung gestellt. Zugleich sollen die Kontaktaufnahme und der Zugang in das Hilfesystem erleichtert werden. Unterstützt wird das Projekt von zahlreichen Prominenten wie Ulrike Folkerts oder Rudi Völler, die auf Postkarten und in den sozialen Netzwerken für das Projekt werben. #WärmeSpenden ist Teil der Diakonie Hessen-Kampagne „Jeder Mensch braucht eine Wohnung“.

Spendenkonto:
Evangelische Bank
DE12 5206 0410 0004 0506 06
Stichwort: wärmespenden
Online spenden unter: www.wärmespenden.diakonie-hessen.de


Kontakt

Stefan Gillich
Leiter der Abteilung Existenzsicherung, Armutspolitik, Gemeinwesendiakonie
T +49 69 7947 6222
Handy: 0170-9194454
stefan.gillich(at)diakonie-hessen.de