November 2019

Diakonie Hessen-Interview

Bischöfin Dr. Beate Hofmann über ihre zwei Leben in einem, diakonische Identität und die Aufgaben eines Mitgliederverbands


Bischöfin Dr. Beate Hofmann (Bild: medio.tv/schauderna)
 

Bischöfin Dr. Beate Hofmann (Bild: medio.tv/schauderna)

Dr. Beate Hofmann, seit Ende September Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, kennt die Diakonie von allen Seiten. Bis zu ihrer Berufung war Dr. Hofmann Direktorin des Instituts für Diakoniewissenschaft und Diakoniemanagement in Bethel. Auf der am 20. November stattfindenden Mitgliederversammlung der Diakonie Hessen hält sie erstmals vor rund 200 Vertreter*innen der Mitgliedseinrichtungen einen Impulsvortrag. Die Diakonie Hessen hat sie vorab interviewt.

Diakonie Hessen: Frau Bischöfin Dr. Hofmann, vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben. Sie sind zwar schon mehr als einen Monat im Amt, wir möchten dennoch die Gelegenheit nutzen, und Ihnen von unserer Seite ganz herzlich zu Ihrer Wahl zur Bischöfin gratulieren. Was hat sich für Sie mit Ihrem Amt in Ihrem Leben geändert?
Bischöfin Dr. Hofmann: Die Zeit zwischen der Wahl und der Einführung lief für mich unter der Überschrift „Zwei Leben in einem“. Auf der einen Seite arbeitete ich weiterhin als Professorin, andererseits bereitete ich mich auf das Amt der Bischöfin vor. Neu ist für mich, dass andere jetzt den Kalender führen, dass ich eine intensivere Zuarbeit bekomme und mehr in der Öffentlichkeit stehe. Es ist schon eine ziemliche Umstellung auf die neue Rolle, auch wenn die Themen nicht völlig neu sind. Ich kann vieles aus meiner Arbeit der vergangenen 20 Jahre fruchtbar machen, z. B. das Wissen über Management, Diakonie sowie Gemeindepädagogik.

Diakonie Hessen: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag jetzt aus?
Bischöfin Dr. Hofmann: Ich bin jetzt sechs Wochen im Amt. Jeder Tag ist anders, es gibt noch keinen klaren Rhythmus. Wir sind dabei, das Bischofsbüro zu digitalisieren. Das bedeutet eine komplette Umstellung und Veränderung von Arbeitsprozessen. Auch der Begriff von der „Einsamkeit des Amtes“ bekommt für mich hier eine völlig neue Bedeutung: Nach 17 Uhr wird es im Landeskirchenamt sehr leer. Diese Ruhe lerne ich zu nutzen. So habe ich vier Wochen zum Auspacken der zahlreichen Geschenke, die ich zu meiner Amtseinführung bekommen habe, gebraucht, und schließlich einen ruhigen Abend im Büro dazu genutzt. Ich finde mich außerdem in die Mischung aus den unterschiedlichsten Rollen ein. Als Bischöfin bin ich in vier kirchenleitenden Gremien, in drei davon in leitender Funktion: im Rat der Landeskirche, im Kollegium und in der Propstkonferenz. In der Synode habe ich Stimmrecht und das fünfte leitende Amt in dieser Kirche ist die Bischöfin selbst. Das bedeutet viel leiten und moderieren. Außerdem in ein fremdes System einarbeiten, wichtige Menschen aus der Öffentlichkeit und dem Landeskirchenamt kennenlernen. Die Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen möchte ich zeitnah treffen. Hier gibt es auch schon erste Kontakte, aber es wird noch das ganze erste Jahr dauern, bis ich in allen Kirchenkreisen gewesen bin. Das ist ein wichtiges Ziel für das erste Jahr. Ich will aber auch hessische Politik und Gesellschaft kennenlernen, Empfänge und Veranstaltungen besuchen. Auch neu für mich ist der Bereich der medialen Öffentlichkeit. Wir haben uns schon im Vorfeld mit der Bischöfinnen-Homepage beschäftigt. Aber es geht auch um die Fragen: Was ist meine Marke? Bekomme ich einen Social Media-Kanal? Welchen nehmen wir? Dies muss alles entschieden werden.

Diakonie Hessen: Als Diakoniewissenschaftlerin sind Sie eine ausgewiesene Expertin für diakonische Belange. Wo haben Sie in Ihrem Amt Berührungspunkte mit der Diakonie Hessen und ihren Mitgliedseinrichtungen?
Bischöfin Dr. Hofmann: Für mich sind das zwei verschiedene Fragen. Wo sind einerseits die Berührungspunkte zum Verband und andererseits zu den Mitgliedseinrichtungen? Erste Kontakte mit dem Verband hatte ich bereits auf einer Tagung zu Unternehmenskultur im Mai. Die Mitgliederversammlung am 20. November wird der erste institutionelle Kontakt sein. Im Blick auf die diakonischen Mitgliedseinrichtungen habe ich eine Einladung an große diakonische Unternehmen im Bereich Kurhessen-Waldeck ausgesprochen, um in einem informelleren Gesprächszusammenhang über das Miteinander von Diakonie und Kirche nachzudenken. Und ich erkunde, welche Impulse ich in dieser Beziehung setzen möchte. Auch zu den Regionalen Diakonischen Werken gibt es schon erste Einladungen und Kontaktflächen. Bei Veranstaltungen zum Reformprozess in der Kirche sage ich immer wieder: Leute, vergesst nicht die Diakonie. Dies ist wohl ungewöhnlich für eine Bischöfin, ist aber meiner Herkunft aus der Diakonie geschuldet.

Diakonie Hessen: Sie werden auf unserer Mitgliederversammlung einen Impulsvortrag halten. Ohne nun zu viel zu verraten, was möchten Sie unseren Mitgliedern gerne mit auf den Weg geben?
Bischöfin Dr. Hofmann: Ich werde Ergebnisse eines Forschungsprojektes zu der Frage vorstellen, was diakonische Identität ausmacht, wenn diese Identität nicht mehr über die Kirchenmitgliedschaft der Mitarbeitenden definiert wird. Was ist dann diakonische Identität, woran wird sie sichtbar und welche Aufgaben ergeben sich daraus für die diakonischen Einrichtungen? Das ist ein Prozess, mit dem ich mich in den letzten Jahren intensiv beschäftigt habe. Was ist für Nutzerinnen und Nutzer diakonischer Einrichtungen diakonisch? Wie nehmen sie diakonische Identität wahr? Der Fokus der Untersuchung liegt auf Mitarbeitenden ohne Kirchenbindung. Dabei wird deutlich: Es gibt eine hohe Bereitschaft bei muslimischen Mitarbeitenden, die Religiosität mitzutragen, wo hingegen es bei aus der Kirche Ausgetretenen eher Widerstände gegen die spirituelle Seite von Diakonie gibt.

Deutlich wurde auch: Die Differenz zu den anderen Wohlfahrtsverbänden wird nicht in den Werten liegen. Was heute gute Pflege ist, ist im christlichen Raum entstanden. Es wäre absurd, wenn wir uns davon unterscheiden wollten. Wenn Sie Leitbilder unterschiedlicher Einrichtungen nebeneinanderhalten, da steht doch im Großen und Ganzen überall das Gleiche. Wichtig ist die Form, wie es gelebt wird. Das ist es, was die Individualität ausmacht, woran das Diakonische spürbar wird. Diakonische Identität hat viele inklusive, mit anderen Einrichtungen geteilte Aspekte. Der Respekt vor der Würde, die Achtung der Individualität, die Achtsamkeit im Umgang mit Menschen gehören dazu. Spezifisch diakonische Kultur zeigt sich viel stärker in dem, wie wir etwas machen. Wie werden zum Beispiel Menschen im Sterben begleitet? Dass eine Kerze angezündet wird, dass ein Kreuz eine Rolle spielt, dass man vielleicht noch einmal ein Bibelwort liest? Dass man sich überhaupt in einer strukturierten Form verabschiedet? Und dass dies Teil der Unternehmensidentität und nicht das Engagement einzelner Mitarbeitender ist, das kommt bei den Befragungen heraus. Es geht um die Art, wie wir Feste feiern und um die Haltung, wie wir Menschen begegnen.
Ich habe in 33 Einrichtungen 33 verschiedene „Organisationspersönlichkeiten“ erlebt. So entstehen – auch beim gleichen Träger – teilweise völlig unterschiedliche Kulturen, die stark von einzelnen Menschen geprägt werden – ebenso vom Raum, von der Geschichte und vom Arbeitsfeld.

Diakonie Hessen: Die Diakonie Hessen konzentriert sich nach der Verselbständigung ihrer Regionalen Diakonischen Werke künftig stärker auf ihre Aufgaben als Mitgliederverband und Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege. Was halten Sie für die strategische Ausrichtung der Diakonie Hessen für besonders wichtig?
Bischöfin Dr. Hofmann: Ich bin noch viel zu neu, um das angemessen beurteilen zu können. Ich war im Diakonischen Rat in Bayern, in der Hauptversammlung der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe und habe die Diakonie in Sachsen intensiv begleitet. Das heißt, in vier unterschiedlichen Regionen habe ich Diakonie und Landesverbände erlebt. Ich habe erlebt, wie schwierig es für einen Landesverband ist, in diesen Zeiten die eigene Rolle zu finden. Das hängt damit zusammen, dass sich der gesamte Wohlfahrtskorporatismus verändert. Es hat angefangen mit der Einführung der Pflegeversicherung und der Öffnung für private Anbieter. Wir erleben im Moment politische Veränderungen und das führt zu der Frage: Wofür brauchen wir so einen Landesverband überhaupt noch, was tut der für uns? Diese Frage wird mit unterschiedlicher Vehemenz gestellt, je nachdem, ob jemand aus einem großen Unternehmen oder einem kleinen kommt. Die großen Unternehmen haben sich an vielen Stellen mittlerweile anders organisiert: über den Verband diakonischer Dienstgeber in Deutschland oder die „Top Ten“ und so weiter. Sie haben zum Teil starke Fachverbände, die ihre eigene Politik machen und machen müssen, weil sie die Expertise haben, z. B. Richtung Bundesteilhabegesetz oder ähnlichem.

Aus meiner Sicht ist die zentrale Aufgabe der Landesverbände zum einen der Mitgliederservice. Dazu gehört neben der juristischen und der wirtschaftlichen Beratung auch der Blick auf die Identitätsfragen. Und zum anderen liegt eine wichtige Aufgabe in der politischen Anwaltschaft. Es geht darum, dass Diakonie dem Land gegenüber im Hinblick auf Gesetzgebung und Umsetzung in einer Sprache spricht. Daraus ist sowohl in Rheinland-Westfalen-Lippe als auch in Hessen die Fusion der diakonischen Verbände erwachsen, um mit einer Stimme zu sprechen. Diese Rolle angemessen wahrzunehmen, ist im Moment schwierig, weil sich das Verständnis für Subsidiarität und von Gemeinwohl in diesem Land verändert. Dadurch wird die besondere Rolle der freien Wohlfahrtsverbände infrage gestellt. Die Kommunen machen mittlerweile vieles selbst, statt es an die freien Träger abzugeben. All dies führt zu einer Infragestellung des Gesamtsystems. Als Professorin würde ich jetzt ein Forschungsprojekt zur Zukunft des Korporatismus auf den Weg bringen, mit der Kernfrage: Wer sind wir als Wohlfahrtsverband im 21. Jahrhundert, was ist unsere Aufgabe unter den veränderten Bedingungen?

Wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Eckhard Lieberknecht, Kommunikation, Diakonie Hessen