Februar 2017

Erste Flüchtlingskonferenz in Hessen und Nassau: Protestanten setzen deutliches Signal der Humanität

350 Teilnehmer heute im Frankfurter Dominikanerkloster – Inhaltlicher Austausch und Messe – Ministerin Spiegel und Staatsminister Wintermeyer zu Gast


Darmstadt / Frankfurt, 4. Februar 2017. Als einen großen Erfolg und deutliches Signal der Humanität im Engagement für Ausgeschlossene und Geflohene haben Kirchenpräsident Dr. Volker Jung und Diakonievorstandsvorsitzender Horst Rühl die erste Flüchtlingskonferenz in Hessen und Nassau bezeichnet, die heute im Frankfurter Dominikanerkloster stattfindet.

350 Teilnehmer aus dem gesamten Gebiet der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) sind heute auf Einladung von EKHN und Diakonie Hessen (DH) zu der Konferenz gekommen, die unter dem Thema „Kirche im Aufbruch – Austausch zur Flüchtlingsarbeit in der EKHN“ inhaltlicher Austausch und Messe zugleich ist. Prominente Gäste aus der Politik sind die Ministerin für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz des Landes Rheinland-Pfalz, Anne Spiegel, und der Flüchtlingskoordinator der Hessischen Landesregierung, Staatsminister Axel Wintermeyer.

Kirchenpräsident Dr. Volker Jung
EKHN-Kirchenpräsident Dr. Volker Jung erinnerte zur Eröffnung daran, dass die Aufnahme von Flüchtlingen eine globale Aufgabe sei. Kein Land könne sich auf Dauer dieser Frage verschließen. „Migration ist weltweit ein Thema und eine große politische Herausforderung, die nicht durch den Bau von Mauern und Grenzzäunen oder gar mit Waffen gelöst werden kann“, so Jung. „Die Not vieler Menschen dauert an – ob in Syrien, Afghanistan, Eritrea oder auch in den Flüchtlingslagern in Griechenland“, sagte Jung. Ihm persönlich gehe vor allem das Schicksal vieler Eltern und Kinder und die damit zusammenhängende Frage des Familiennachzugs sehr nahe, erklärte der Kirchenpräsident.

Diakonie-Vorsitzender Horst Rühl
Der Vorstandsvorsitzende der Diakonie Hessen, Horst Rühl, sagte: „Die Konferenz steht für eine starke gesellschaftliche Realität der Menschenfreundlichkeit, die vor lauter Populismus häufig leider nicht mehr wahrgenommen wird. Ich bin begeistert über das anhaltende Engagement der vielen Freiwilligen und beruflich Mitarbeitenden in der Flüchtlingsarbeit, das heute zum Ausdruck kommt. Die Vielfalt und Ausdauer dieses Engagements sind ein fantastischer Schatz in Diakonie und Kirche. Glaube und helfendes Handeln gehören untrennbar zusammen.“

Ministerin Anne Spiegel
Die Ministerin für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz des Landes Rheinland-Pfalz, Anne Spiegel, sagte in ihrem Grußwort: „Integration kann nur dann gelingen, wenn sie nicht nur auf allen staatlichen Ebenen, sondern auch von vielen weiteren Akteurinnen und Akteuren als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen wird. Zu diesem Gelingen haben die Kirchen mit ihrem Engagement schon von Beginn an einen großen Beitrag geleistet. Integration ist ein langer Prozess, der beiden Seiten Engagement, Respekt und gegenseitiges Verständnis abverlangt. Es ist meine feste Überzeugung, dass Integration unsere Gesellschaft offener, zukunftsfähiger, leistungsfähiger und letztlich lebenswerter macht.“

Staatsminister Axel Wintermeyer
„Die große Herausforderung der Flüchtlingsaufnahme konnte nur gelingen durch die tatkräftige Hilfe der Kirchen, der Diakonie Hessen und der ehrenamtlich Engagierten und durch die tragfähigen Strukturen, die das Land geschaffen hat", hob Staatsminister Axel Wintermeyer, der politische Koordinator der Flüchtlingspolitik des Landes Hessen, hervor und dankte für das Engagement der Aktiven. „Insbesondere die vielfältige Unterstützung des Landes beim Spracherwerb, den Ausbildungshilfen und die Vermittlung gemeinsamer Werte für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft sind das Fundament für eine gelingende Integration."

Stellvertretende Präses der Synode, Dr. Susanne Bei der Wieden
Die stellvertretende Präses der EKHN-Synode, Dr. Susanne Bei der Wieden, wandte sich gegen zunehmende Kritik in Deutschland und Europa an dem Engagement für Flüchtlinge. Die Grundlagen der Bibel verwiesen darauf, Geflüchteten zu helfen. Kirche und Diakonie wollten mit ihrem Engagement zudem zeigen, dass sie weiterhin mitten in der Gesellschaft stehen. „Unsere Arbeit für Flüchtlinge dient nicht nur diesen selbst, sondern eben auch unserer Gesellschaft“, sagte sie. Die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau habe besondere finanzielle Mittel für die Arbeit mit Geflüchteten freigegeben, erklärte Bei der Wieden. Dazu gehöre es auch, sich mit Partnerkirchen und -organisationen im Ausland für die Bekämpfung von Fluchtursachen einzusetzen.

Diakonievorsitzender Rühl
Diakonievorsitzender Rühl hatte zudem erneut an die Hessische Landesregierung appelliert, „den Erlass eines sofortigen Abschiebungsstopps für afghanische Flüchtlinge zu prüfen. Die Abschiebung nach Afghanistan ist aus humanitären Gesichtspunkten durch nichts zu rechtfertigen, sie ist ein Akt der Unmenschlichkeit.“

Am Vormittag präsentierten die Teilnehmer an Messeständen ihre Projekte der Flüchtlingsarbeit. Am Nachmittag gibt es in moderierten Diskussionsforen Gelegenheit, über aktuelle Schwierigkeiten und Hindernisse in der Integrationsarbeit zu sprechen und weitere Schritte für eine gelingende Integration zu entwickeln.

Stichwort: Flüchtlingshilfe in Diakonie und Kirche

Im Engagement für Flüchtlinge bringen sich die Diakonie Hessen, die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau sowie die benachbarte Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck gemeinsam in vielfältiger Weise ein: durch Beratung, Vernetzung oder finanzielle Unterstützung. Zu den Angeboten gehören professionelle Beratung im Asylverfahren, die Unterbringung von Flüchtlingen, Kleiderkammern oder Fahrdienste vor allem im ländlichen Raum, damit Flüchtlinge einkaufen oder Ämtertermine wahrnehmen können. Mal wirken sie in einem breiteren bürgerschaftlichen Bündnis mit, mal formiert sich dieses Engagement unter dem Dach von Diakonie und Kirchengemeinde oder Dekanat.

1. Professionelle Beratung und Begleitung von Flüchtlingen
Mit insgesamt 64 Personen in etwa 39 Vollzeitstellen engagieren sich Kirche und Diakonie in Hessen, Teilen von Rheinland-Pfalz und Thüringen/Schmalkalden in der professionellen Beratung von Flüchtlingen. Dazu gehört die Verfahrensberatung in den Erstaufnahmeeinrichtungen in Gießen, Büdingen und Ingelheim, unabhängige regionale Flüchtlingsberatungsstellen in 19 der 26 hessischen Gebietskörperschaften, das Zentrum für Beratung und Therapie in Frankfurt, das traumatisierten Flüchtlingen Unterstützung und Therapie ermöglicht, Beratung in der Abschiebungshaft in Ingelheim in ökumenischer Trägerschaft und die ökumenische Abschiebungsbeobachtung am Flughafen Frankfurt. Diese Arbeit wird in Hessen überwiegend aus kirchlichen Eigenmitteln finanziert. In Rheinland-Pfalz engagiert sich das Land mit ca. 60 Prozent der Kosten. Außerdem arbeiten fünf Flüchtlingsseelsorger in Rheinhessen, der Propstei Oberhessen, in Frankfurt, in Kirchhain und in der Abschiebungshaft in Ingelheim. Hinzu kommen noch einmal 58 Personen für die soziale Flüchtlingsbetreuung, in acht Landkreisen und den Städten Darmstadt und Ingelheim. Diese Stellen werden von den Landkreisen bzw. den Kommunen finanziert.

2. Koordination von ehrenamtlichem Engagement
Es gibt 38 Stellen zur Koordination des ehrenamtlichen Engagements in der Flüchtlingshilfe. Tätig sind die Kolleginnen und Kollegen u.a. in Wiesbaden, in den Dekanaten Vorderer Odenwald, Kronberg und Wetterau, in den Landkreisen Gießen, Schwalm-Eder, Main-Taunus, Hersfeld-Rotenburg, Schmalkalden und Offenbach. Sie werden aus Kirchenmitteln, Stiftungsbeiträgen, Zuschüssen der Dekanate oder durch die Landkreise getragen.

3. Flüchtlingsunterbringung
Den Landkreisen wurden von beiden Kirchen bisher rund 700 Unterkunftsplätze in kirchlichen Immobilien zur Verfügung gestellt. Rund 500 Plätze gibt es derzeit in elf kirchen- oder diakonieeigenen Unterkünften für Flüchtlinge. In Hessen sind das die Christliche Flüchtlingshilfe Egelsbach (drei Unterkünfte mit 180 Personen), das Diakonische Werk Hochtaunus in Grävenwiesbach (90 Personen), Friedrichsdorf (60 Personen), das Diakonische Werk Darmstadt-Dieburg (120 Plätze in Darmstadt). Im Laubach-Kolleg, dem Oberstufengymnasium der EKHN, wurden Plätze für 20 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eingerichtet. In 22 Mitgliedseinrichtungen der Diakonie Hessen werden über 1.900 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge stationär und ambulant betreut.

4. Regionale Projekte, die Integration und Zusammenleben fördern
Es gibt aktuell rund 224 von der EKHN und der EKKW bezuschusste Projekte zur Förderung der Willkommenskultur in Gemeinden und Dekanaten. Hinzu kommen nach Schätzungen noch einmal weitere 60 Projekte in eigener finanzieller Verantwortung. In allen wirken Ehrenamtliche mit, sie werden von professionellen Kräften in den Dekanaten unterstützt. Schwerpunkte sind: Sprachkurse, Hilfe bei Gängen zu Ämtern, Hilfen bei der Bewältigung des Alltags, Ausstattung mit Nötigem, Hausaufgabenhilfe, allgemeine Willkommenskultur, Begegnungscafés, Fahrradwerkstätten mit Geflüchteten u.ä. Hinzu kommen Fortbildungsreihen zur Qualifizierung von freiwillig Engagierten und der Ausbau von Tandemprojekten.

5. Unterstützung in finanziellen Notlagen
In Einzelfällen werden Flüchtlinge auch finanziell unterstützt: z.B. um ein Gutachten zum Nachweis einer Traumatisierung zu erhalten, um nach der Anerkennung als Flüchtling das Flugticket für die im Kriegsgebiet ausharrende Kernfamilienmitglieder zu finanzieren und um rechtliche Schritte gegen behördliche Entscheidungen einzuleiten.

6. Integration in Kindertagesstätten
Ein neu aufgelegtes Fortbildungsprogramm fördert die interkulturelle Kompetenz in unseren 600 Kitas, denn diese sind die ersten Institutionen, die in ihrem Regelbetrieb mit Flüchtlingen in Gestalt ihrer Kinder befasst sind. Sie sind im Alltag zusammen mit den anderen einfach da – mit all ihren sprachlichen, kulturellen und seelischen Problemen. Eine riesige Herausforderung!

7. Finanzierung
EKHN, EKKW und Diakonie Hessen finanzieren die oben genannten Stellen mit insgesamt rund 1,5 Mio. Euro jährlich. Hinzu kommen 2,5 Mio. Euro Projektmittel, die die Synoden in 2014 und 2015 zur Verfügung gestellt haben. Für neue Maßnahmenpakete wurden zudem für mittelfristige Hilfen seit 2016 zusätzlich rund 27 Millionen Euro vorgesehen.


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