September 2018

Kinder mit Pflegebedarf – der unbekannte Pflegenotstand

Welt-Kindertag am 20. September / Diakonie Hessen fordert hessenweites Aktionsprogramm für häusliche Kinderintensivpflege


Der akute Fachkräftemangel in der Pflege wirkt sich auch auf die häusliche Kinderintensivpflege aus. Eltern werden bei der Versorgung zunehmend alleine gelassen. In der Folge bleiben viele Kinder länger im Krankenhaus, weil ihre Pflege zuhause nicht sichergestellt ist. Horst Rühl, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen, fordert von der Politik umfassende Maßnahmen.

Der dreijährige Niklas* ist durch eine schwierige Geburt mehrfach geschädigt und braucht Hilfe bei der Nahrungsaufnahme. Er kann nicht krabbeln, nicht laufen und nur mithilfe einer Trachealkanüle atmen. Sophie*, sieben Jahre, hatte einen Fahrradunfall mit inkomplettem Genickbruch. Sie kann sich seither nur noch mit ihren Augen verständigen und nicht mehr selbständig atmen. Auch der achtjährige Clemens* ist beatmungspflichtig und braucht eine Rundum-Betreuung. Sie alle werden zuhause versorgt. Damit dies möglich ist, brauchen ihre Familien die Hilfe spezieller Pflegedienste. Clemens und seine Familie werden seit fünf Jahren durch eine häusliche Kinder-Intensivpflege unterstützt. 13 Stunden täglich umfasste bisher die komplexe Pflege, in der potentiell lebensbedrohliche Situationen rechtzeitig erkannt und abgewendet werden müssen. Die verbleibenden elf Stunden in der Nacht versorgte ihn vorwiegend die Mutter. Bisher nutzte sie den Tag für ihre gesundheitliche Regeneration und die Versorgung der Familie. Der Pflegedienst musste vor kurzem seine Versorgungszeiten auf sieben Stunden täglich reduzieren. Der Grund ist zu wenig Pflegepersonal. Nun muss die Familie Clemens 17 Stunden täglich selbst versorgen und ist während dieser Zeit auf sich alleine gestellt. Das häusliche Pflegearrangement droht durch Überlastung der Familie, insbesondere der Mutter, zusammenzubrechen.

Umfassendes Aktionsprogramm zur Kinderintensivpflege nötig

In Nordhessen haben nun mehrere diakonische Einrichtungen** und Vertreter*innen von betroffenen Familien auf den Fachkräftemangel in der häuslichen Intensivpflege hingewiesen. „Der fortschreitende Fachkräftemangel in der Gesundheits‐ und Krankenpflege gefährdet auch die Versorgung und das Überleben von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der häuslichen Intensivpflege“, sagt Horst Rühl, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen, anlässlich des Welt-Kindertages am 20. September. Ambulante Pflege von Kindern sei sehr anspruchsvoll und zeitaufwändig. Speziell für die Pflege von Kindern sei ausgebildetes Pflegefachpersonal nötig. Davon gebe es jedoch viel zu wenig. Rühl: „Wir begrüßen das Vorhaben der Bundesregierung, neue Pflegefachkräfte zu gewinnen und den Pflegeberuf mit höheren Löhnen attraktiver zu machen. Die bisher bekannten Ansätze sind jedoch nicht ausreichend. In der Kinderintensivpflege brauchen wir nicht nur mehr Pflegekräfte, sondern auch eine bessere Finanzierung. Außerdem sind mehr Einrichtungen und Angebote nötig, um die Eltern zu entlasten. Dies lässt sich nur mit einem umfassenden, hessenweiten Aktionsprogramm zur Kinderintensivpflege bewältigen.“ Pflegedienste führten mittlerweile Wartelisten und Kinder müssten stattdessen im Krankenhaus versorgt werden. „Die Kinder und ihre Angehörigen in der häuslichen Intensivpflege brauchen unsere Aufmerksamkeit. Hier ist die Bundespolitik gefordert, aber auch die hessische Landesregierung mit einem Aktionsprogramm ‚Häusliche Kinderintensivpflege‘“, so Rühl abschließend.

Aktionsprogramm „Häusliche Kinderintensivpflege“

Die Diakonie Hessen schlägt ein landesweit angelegtes Aktionsprogramm zur Sicherung der häuslichen Kinderintensivpflege mit folgenden Maßnahmen vor:

  • Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen für eine verlässliche und fachgerechte pflegerische Versorgung  
  • Finanzierung angemessener Stunden- und Leistungsvergütungssätze durch die Kassen
  • Refinanzierung der Fortbildungen über die Krankenkassen
  • Sicherung einer fachgerechten pflegerischen Versorgung der Kinder beim Besuch von Kindergärten, Schulen, Werkstätten und Einrichtungen
  • Freie Wahl der Wohnform für pflegebedürftige junge Erwachsene.

HINTERGRUND

Häusliche Kinderintensivpflege

Intensivpflichtige Kinder, Jugendliche und zunehmend auch junge Erwachsene, die zum Beispiel aufgrund einer künstlichen Beatmung dauerhaft auf eine intensivmedizinische Pflege angewiesen sind, leben zum weit überwiegenden Teil in ihren Familien. Bei der Versorgung und Pflege werden die Familienangehörigen je nach Versorgungsbedarf bis zu 24 Stunden pro Tag von ambulanten Pflegediensten mit speziell geschultem Fachpersonal unterstützt. Der Eigenanteil der Eltern liegt zumeist bei etwa sechs Stunden pro Tag an sieben Wochentagen. Dazu kommen im Mittel sechs bis acht Stunden pro Woche für Organisationsaufgaben zur Beschaffung und Vorhaltung von Hilfs‐ und Verbrauchsmitteln sowie ergänzend der Zeitaufwand für Arztbesuche und außerhäusliche Therapien. Nicht berücksichtigt ist hierbei der individuelle Aufwand zur Tagesstrukturierung, zur emotionalen Unterstützung sowie für die durchgängig erforderlichen Assistenzleistungen.

*Name wurde geändert
**Diakoniestationen der Evangelischen Kirche in Kassel gGmbH, Intensivkinder Zuhause e.V. Regionalgruppe Hessen, IntensivLeben e.V. Kassel sowie Pflege‐Hilfe & Betreuung e.V. Hofgeismar