Dezember 2020

Pflegenotstand in der Altenpflege

Verordnungsflut führt zu maximaler Arbeitsbelastung


Besuchsregelungen, Corona-Schnelltestung sowie Organisation und Nachbetreuung von Impfungen gleichzeitig zu gewährleisten, übersteigt die Leistungsfähigkeit der Pflegeheime.
In einem Brief an Staatsminister Kai Klose haben sich jetzt die Diakonie Hessen und die Evangelische Arbeitsgemeinschaft Altenhilfe und Pflege zu Wort gemeldet. Die Diakonie fordert angesichts der schwierigen personellen Situation in vielen Pflegeheimen Unterstützung durch Hilfsorganisationen, z. B. von Katastrophenschutzkräften, zur Bewältigung der zusätzlichen Aufgaben.

Hier der Text des Schreibens im Wortlaut:
„Während viele Betriebe wg. des Lockdown gezwungen sind, ihre Arbeit vorübergehend einzustellen, andere Arbeitgeber ihren Mitarbeitenden einen erholsamen Weihnachts- und Jahreswechselurlaub wünschen, müssen die Beschäftigten in Pflegeorganisationen, insbesondere den Pflegeheimen, herausfordernde Hochleistungen im Dauerbetrieb erbringen.
Gegenwärtig werden mehrere, durch entsprechende behördliche Verordnungen ausgelöste Maßnahmen über einander gelegt. Jede dieser Maßnahmen für sich alleine betrachtet, übersteigt in ihrer Umsetzungsfähigkeit das, was an ohnehin nur minimal vorhandenen flexiblen Zeitfenstern im Pflegealltag identifiziert werden kann:
1. Die von uns als Diakonie auch sehr begrüßten Besuchsregelungen sowie die damit verbundenen bürokratischen Auflagen zu gewährleisten, braucht zusätzliche Personalkapazitäten.
2. Die Vorgaben zu Schnelltests und deren regelmäßige Durchführung, für die wir Erfahrungswerte von 20 Minuten Zeitaufwand/Test zugrunde legen können, binden weitere personelle Kapazitäten insbesondere von qualifiziertem Pflegepersonal.
3. Und die personellen Ressourcen für Schnelltests werden weiterhin für Pflegemitarbeitende notwendig bleiben, auch wenn Pflegeheimbewohner ihre Impfungen erhalten haben. Auch wissen wir nicht, ob sich alle Hochrisikopersonen impfen lassen wollen. Denn so sehr wir alle die Impfungen auch herbeisehnen mögen, sie werden sich über ein Zeitfenster von mehreren Monaten erstrecken, da Bewohner und Mitarbeitende in Intervallen, nicht gleichzeitig und auch 2 x geimpft werden müssen.
4. Die vorliegenden Informationen zur Vorbereitung, Durchführung und Nachbetreuung der Impfungen räumen freimütig ein, dass hierfür erneut zusätzliche personelle Kapazitäten in den Pflegeheimen vorgehalten werden sollen.
Wo Pflegeeinrichtungen gerade in Ballungsräumen freie Stellen bereits in der Vergangenheit nur schwer nachbesetzen konnten und viele auf Leasing-Kräfte zurückgreifen mussten, wächst sich das Personalproblem gerade in der stationären und ambulanten Pflege nun wirklich zum Pflegepersonalnotstand aus.
Mehr als 2.500 Beschäftigte von Pflegeheimen sind derzeit infiziert bzw. in Quarantäne, eine unbekannte Zahl von Fach- und Führungskräften ist wg. der Covid-19- bedingten Daueranspannung erschöpft und nicht arbeitsfähig, engagiert sich aus Solidarität mit den verbleibenden Beschäftigten trotzdem und riskiert so mittelfristig die Gesundheit. Als diakonische Arbeitgeber nutzen wir vielfältige Möglichkeiten, uns für die Gesundheit unserer Mitarbeitenden einzusetzen und der Belastung entgegenzuwirken. Doch ohne zusätzliche Personalreserven zur Pandemie-Bewältigung und für das Krisenmanagement sind dem Grenzen gesetzt.
Wir fordern die Landesregierung deshalb auf, diesen Personalnotstand insbesondere für das Pandemie-Krisenmanagement anzuerkennen und Hilfsorganisationen, die sonst im Katastrophenschutz bei Gesundheitsgefährdung der Bevölkerung im Einsatz sind, aufzurufen, die Pflegeorganisationen so lange zu unterstützen, bis die Impfmaßnahmen in den Pflegeheimen abgeschlossen sind. Auch könnten wir uns vorstellen, dass Teams aus stationären Impfzentren, die aufgrund zu geringer Impfstoffmengen in Bereitschaft sind, übergangsweise und für einen überschaubaren Zeitraum in Pflegeeinrichtungen für notwendige Schnelltestungen eingesetzt werden könnten. Jeder Tag zusätzlicher Unterstützung zählt und ist wertvoll.

Es gilt, alle Kräfte zu mobilisieren, um die Pflegeorganisationen in dieser schweren Lage nicht alleine zu lassen.“