Gegen Gewalt an Frauen: #schweigenbrechen

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

Mach mit! #schweigenbrechen

Zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen am 25. November machen weltweit Menschen auf die Situation von Frauen aufmerksam. Auch das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend nutzt diesen Tag, um im Rahmen einer groß angelegten Mitmachaktion alle Bürgerinnen und Bürger aufzurufen, ein deutliches, solidarisches und bundesweit sichtbares Zeichen zu setzen. Auch wir beteiligen uns an der Aktion #schweigenbrechen und wollen damit den Menschen zeigen: Frauen sind nicht Schuld, wenn sie Gewalt erfahren! Gewalt an Frauen ist kein Kavaliersdelikt und nicht tolerierbar! Machen auch Sie mit und setzen Sie ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen. Helfen Sie, das Schweigen zu brechen.

Hier geht es zu den Informationen und Materialien rund um die Mitmachaktion #schweigenbrechen.

Wir machen mit: #schweigenbrechen

Interview

„Die Gewalt ist wie eine Spirale“

Interview mit der Leiterin eines Frauenhauses über die Gründe für Frauen Schutz in einem Frauenhaus zu suchen und wie wir Frauen in Notsituationen unterstützen können

Beinahe täglich erleben Frauen körperliche, sexualisierte und psychische Gewalt – egal wie alt sie sind, welcher Schicht sie angehören und woher sie kommen. Nicht nur „hinter verschlossener Tür“, auch in der Öffentlichkeit und im Berufsleben werden Frauen mit Gewalt konfrontiert. Besonders in Partnerschaften sind die Opfer von Gewalt überwiegend weiblich. Oft ertragen die Betroffenen diesen Zustand über einen langen Zeitraum. Die Gründe sind sehr vielfältig, komplex und für Außenstehende nicht immer nachvollziehbar. Dabei fehlt häufig nur ein wenig Unterstützung für den letzten Schritt zur Trennung.

Seit 1976 gibt es in Deutschland so genannte Frauenhäuser, die Frauen und ihren Kindern Schutz vor Gewalt bieten und damit maßgeblich zu einem gewaltfreien Leben beitragen. Eines dieser Frauenhäuser ist das „Haus für Frauen in Not“ des Diakonischen Werks Wiesbaden. Seit 34 Jahren bietet das Frauenhaus weiblichen Opfern von Gewalt kurzfristig ein sicheres Zuhause. Zum Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen am 25. November 2020 sind wir im Gespräch mit der Leiterin des Frauenhauses Birte Prawdzik. Sie erzählt uns, warum Frauen sich ans Frauenhaus wenden und was Frauen tun können, wenn sie möglichst schnell Schutz brauchen.

Frau Prawdzik, Sie sind nun schon seit sieben Jahren Leiterin des Frauenhauses des Diakonischen Werks Wiesbaden. Warum kommen Frauen zu Ihnen ins Frauenhaus?

Die Frauen, die zu uns finden, haben in irgendeiner Form häusliche Gewalt erfahren. Wir verstehen darunter nicht nur physische Gewalt, also körperliche Misshandlungen wie Schläge und Tritte. Frauen sind auch Opfer von psychischen Erniedrigungen, werden eingesperrt oder haben keinerlei Zugang zu eigenem Geld. Es passiert auch immer wieder, dass Frauen in ihrer Freiheit und in den sozialen Kontakten eingeschränkt werden. Oft gehen verschiedene Gewaltformen miteinander einher.

Wie kommt es, dass Frauen immer wieder Opfer von häuslicher Gewalt werden?

Das hängt oft mit dem Rollenverständnis auf beiden Seiten zusammen. Die betroffenen Frauen haben die Hoffnung, dass die Bedrohungen und Angriffe sich nicht wiederholen, dass es sich nur um einmalige Ausrutscher ihres Partners gehandelt hat. Aber das ist ein Trugschluss. Die Gewalt ist wie eine Spirale: die Misshandlungen fangen klein an und werden mit der Zeit schlimmer und kommen immer häufiger vor. Die Frauen geben sich zudem oft selbst die Schuld, haben Selbstzweifel und versuchen ihr eigenes Verhalten anzupassen und das des Mannes zu entschuldigen. Viele Frauen sind auch wirtschaftlich abhängig von ihrem Partner und wissen nicht, wie sie ohne ihn klarkommen sollen, da sie es vielleicht nie kennen gelernt haben.

Wie hat sich die Situation der Frauen in Zeiten von Corona verändert? Gibt es nun mehr Gewalt gegen Frauen?

Das sind bisher nur Vermutungen. Im März, April, Mai, also zurzeit des Lockdowns, hat die Zahl der Anfragen in unserem Haus eher stagniert. Wir gehen aber davon aus, dass die Frauen gerade in dieser Zeit weniger die Möglichkeit hatten, sich zu informieren, aus dem Haus zu gehen und sich beraten zu lassen.

Wie können Außenstehende Frauen unterstützen, die Opfer von Gewalt in ihrer Partnerschaft sind?

Frauen geraten bei Gewalt in Partnerschaften nicht plötzlich in diese Situation, sondern die Gewalt entwickelt sich meist im Laufe einer Beziehung. Am Anfang lebt das Paar noch in einer „normalen“ Liebesbeziehung. Mit der Zeit entpuppt sich dann jedoch der Partner als gewalttätig. Wenn Außenstehenden dann auffällt, dass sich z.B. die Freundin verändert hat, sich zurückzieht oder blaue Flecken hat, dann sollten sie ein offenes Ohr für sie haben. Wichtig ist nun, ihr die Angst zu nehmen, aus sich heraus zu gehen und für sich einzustehen. Sie sollten ihre Freundin ermutigen, die vielen Beratungen und Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Sie sind immer kostenfrei und anonym.

Wie können Eltern ihre Töchter vor Gewalt in der Partnerschaft wappnen?

An erster Stelle steht, ein gesundes Selbstbewusstsein zu fördern. Das Rollenverhalten ist erlernt; es ist daher von Vorteil, wenn auch die Eltern eine gleichberechtigte Partnerschaft vorleben. Zeigen Sie Ihren Kindern, wie sie Konflikte lösen können – mit Gesprächen und ohne Gewalt. Auch dass sich Konflikte vor allem auf Augenhöhe lösen lassen und alle Beteiligten etwas zur Lösung beitragen können.

Was muss die Politik leisten, damit Frauen vor Gewalt geschützt werden können?

Frauen kommen zu uns in Frauenhaus, weil sie keine Alternative haben. Sie sind oft finanziell abhängig und isoliert und wissen nicht wohin. Für sie wäre es eine große Hilfe, wenn der gewalttägige Partner die Wohnung verlassen müsste. Besonders wenn Kinder betroffen sind, wäre dies eine Entlastung. Bisher muss die Familie nicht nur unter der Gewalt des Partners leiden, sie wird mit dem Umzug ins Frauenhaus auch noch aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen. Sind die Frauen mit ihren Kindern erst einmal bei uns, ist es für sie schwer, alleinerziehend und oft ohne Einkommen, eine bezahlbare Wohnung zu finden – insbesondere in Ballungsräumen wie im Rhein-Main-Gebiet. Hier wünsche ich mir von der Politik mehr Investitionen in bezahlbare Wohnungen und eine bevorzugte Berücksichtigung der Frauenhaus-Bewohnerinnen bei der Vergabe.

Das Interview haben wir zum Tag gegen Gewalt an Frauen im November 2020 geführt.

Gewalt gegen Frauen – Situation in Deutschland und Hessen

Die europäische Grundrechteagentur stellte in einer Studie mit insgesamt 42.000 Frauen zwischen 18 und 74 Jahren fest, dass jede dritte Frau in Deutschland seit ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal in ihrem Leben Erfahrung mit physischer und/oder sexualisierter Gewalt gemacht hat. Besonders in Partnerschaften sind die Opfer mit 98,4 Prozent überwiegend weiblich. In Deutschland ist die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt in 2019 weiter gestiegen, so das Ergebnis der Kriminalstatistischen Auswertung zu Partnerschaftsgewalt des Bundeskriminalamts. Bundesweit gab es 141.792 gemeldete Fälle; die Experten gehen von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus. Allein in Hessen gab es 2018 fast 9.000 gemeldete Fälle von häuslicher Gewalt.

Die Zahl der registrierten Fälle häuslicher Gewalt kletterte laut der polizeilichen Kriminalstatistik 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 7,7 Prozent auf 10 013 Taten. Wie im Bund wächst die Summe seit 2014 auch in Hessen kontinuierlich an, was auch an einem geänderten Anzeigeverhalten liegt. In 80 Prozent der Fälle seien Frauen betroffen gewesen.

Neben dem Frauenhaus der Diakonie Hessen in Wiesbaden bieten 31 weitere Frauenhäuser in Hessen Frauen Schutz. Sie finden hier ein kurzfristiges Zuhause und spezielle Angebote, um die oftmals traumatisch erlebten Gewaltsituationen zu verarbeiten.