Der Aufstieg stockt oben
Gastbeitrag von Diakonie Hessen-Vorstand Dr. Harald Clausen, veröffentlicht von epd sozial
22.06.2026
Frauen sind selten in Spitzenpositionen vertreten, obwohl viele engagiert arbeiten. Warum ihr Aufstieg oft stockt welche strukturellen Hürden im Weg stehen - und was sich ändern lässt, beschreibt Harald Clausen, Vorstand der Diakonie Hessen, anhand eines mehrjährigen Projektes zur Frauenförderung in seinem Gastbeitrag für epd sozial.
Frauen tragen das Gesundheits- und Sozialwesen, doch je größer die Führungsverantwortung, desto seltener sind sie vertreten. Dieses Missverhältnis zeigt sich auch in der Diakonie: Obwohl Frauen die große Mehrheit der Beschäftigten stellen, sinkt ihr Anteil mit jeder Hierarchiestufe. Eine bundesweite Studie der Diakonie Deutschland hat diese Schieflage 2019 bundesweit bestätigt - und damit den Handlungsbedarf deutlich gemacht: Der Frauenanteil in Führungspositionen, Aufsichtsgremien und Vorständen soll auf mindestens 40 Prozent erhöht werden.
Ein Projekt mit klarem Auftrag
Hier setzt die Diakonie Hessen mit dem Projekt "f3 - frauen fördern führung" an, das 2021 auf Initiative des Frauen-Netzwerks "FiF - Frauen in Führung in der Diakonie Hessen" gestartet ist. Entstanden ist es nicht am Reißbrett, sondern aus konkreten Erfahrungen von Frauen in diakonischen Spitzenpositionen. Über fünf Jahre hinweg wurden Daten erhoben, Strukturen kritisch hinterfragt und gezielte Maßnahmen erprobt, um Frauen auf ihrem Weg in Führungsverantwortung zu stärken.
Zwei Erhebungen in den Jahren 2022 und 2024 zeigen, dass Frauen in der Diakonie Hessen weiterhin deutlich unterrepräsentiert sind, sobald es um die obersten Führungsebenen geht. Zwar sind rund drei Viertel der insgesamt rund 45.000 Beschäftigten weiblich, doch nur 37 Prozent der Spitzenpositionen sind zuletzt mit Frauen besetzt.
Auf der zweiten Führungsebene wurde das selbst gesteckte Ziel inzwischen erreicht: 44 Prozent der Führungskräfte waren 2024 Frauen. Das zeigt: Fortschritte sind möglich - aber der Aufstieg an die Spitze bleibt eine besondere Hürde. Der Grund liegt weniger im fehlenden Potenzial als in strukturellen Barrieren. Fest gewachsene Netzwerke, lange Verweildauern in Spitzenpositionen und tradierte Führungskulturen erschweren den Zugang. Veränderung braucht Zeit und gezielte Maßnahmen.
Begleitung auf dem Weg in Führung
Ein zentraler Baustein der Frauenförderung der Diakonie Hessen ist das Cross-Mentoring-Programm, das gemeinsam mit den beiden evangelischen Landeskirchen in Hessen umgesetzt wird. Erfahrene Führungskräfte aus Kirche und Diakonie begleiten Frauen institutionsübergreifend auf ihrem Weg in die obersten Leitungsfunktionen und stehen ihnen beratend zur Seite.
Die Nachfrage ist hoch: 2023 starteten 23 Tandems, im zweiten Durchlauf 2025 waren es bereits 26. Ergänzt wird das Angebot durch Fortbildungen, Workshops und Formate zur Vernetzung.
Was Frauen auf dem Weg in Führung besonders hilft, zeigen Gespräche mit erfolgreichen Führungspersönlichkeiten: Ermutigung, verlässliche Wegbegleiter, die an ihre Fähigkeiten glauben, und der Mut, eigene Ambitionen ernst zu nehmen. So zögern Frauen eher, sich auf Führungspositionen zu bewerben, wenn sie nicht sämtliche Anforderungen erfüllen. Umso wichtiger sind Unterstützung und Vorbilder.
Austausch mit inspirierenden Frauen in Führung bietet unter anderem das Netzwerk "FiF", in dem sich Frauen in Spitzenpositionen zusammengeschlossen haben. Sichtbare Vorbilder eröffnen Perspektiven - auch auf einen weiblichen Leitungsstil. Man kann sich nur vorstellen, was man sieht.
Bewusstsein wächst
Doch individuelle Förderung und Motivation allein reichen nicht aus. Öffentlichkeitsarbeit, Fachtage und ein Projektfilm mit weiblichen Führungspersönlichkeiten haben dazu beigetragen, das Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit in der Organisation zu stärken und eine breitere Diskussion anzustoßen - innerhalb der Diakonie Hessen wie auch darüber hinaus.
Trotz positiver Entwicklungen bleiben Herausforderungen bestehen. Dazu zählen männlich geprägte Führungskulturen, begrenzte Ressourcen für Vernetzung sowie ausbaufähige Monitoring-Strukturen. Der Weg zu echter Parität ist kein Selbstläufer. Er erfordert langfristige Strategien, konsequente Förderung und die Bereitschaft, etablierte, männliche Strukturen zu verändern.
Nach fünf Jahren ist das Projekt inzwischen abgeschlossen, der Weg zu echter Geschlechtergerechtigkeit in den oberen Führungsebenen ist jedoch noch weit. Wichtige Elemente wie Mentoring, Fortbildungsangebote und die Netzwerkarbeit werden weitergeführt. Die gewonnenen Daten bilden eine Grundlage, um Entwicklungen künftig besser zu verfolgen und gezielt zu steuern.
Die Erfahrungen der Diakonie Hessen zeigen: Es gibt qualifizierte, engagierte Frauen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Entscheidend sind die Rahmenbedingungen, die ihnen den Zugang zu Spitzenpositionen ermöglichen. So muss Führung nicht allein gedacht werden: Modelle wie Führungsduos oder Teilzeitführung eröffnen neue Möglichkeiten - und sind für Frauen wie Männer attraktiv. Vielfalt in der Führung entsteht nicht von selbst - sie muss gewollt und gestaltet werden. Es braucht nicht nur starke Frauen, sondern auch mutige Männer, die bestehende Strukturen hinterfragen und Veränderung vorantreiben.
Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel und wachsender gesellschaftlicher Herausforderungen sind Frauen in Führung keine Frage des "Ob", sondern des "Wie". Organisationen können es sich nicht leisten, auf die Kompetenzen der Hälfte der Gesellschaft in den Spitzenpositionen zu verzichten. Frauen in Leitungsfunktionen sind ein Gewinn - für Organisationen, Mitarbeitende und die Zukunft der diakonischen Arbeit insgesamt.
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