Jugendhilfe unter Druck
Einrichtungsbesuche zeigen: Jugendsozialarbeit unverzichtbar
19.06.2026
Faire Chancen, faire Teilhabe
Damit beeinträchtigte oder sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche ihren Weg in Schule, Ausbildung und Arbeitsmarkt finden, sind sie auf verlässliche Unterstützung wie die der Jugendsozialarbeit angewiesen. Doch genau diese Strukturen stehen derzeit unter Druck. Der Grund sind bundesweit diskutierte Sparpläne in der Kinder- und Jugendhilfe sowie das durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend bereits angekündigte Ende des Programms „Respekt Coaches“ und des bundesweiten Förderprogramms „Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule“.
Im Rahmen ihrer Sommerreise hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (BAG EJSA) am Donnerstag die Jugendwerkstatt Gießen sowie den Evangelischen Verein für Kinder- und Jugendhilfe Rhein-Main in Frankfurt besucht. „Junge Menschen fördern, unterstützen und begleiten sind die Aufgaben der Jugendsozialarbeit”, erläutert BAG EJSA-Geschäftsführerin Christine Lohn. „Die BAG EJSA bringt die Interessen ihrer Zielgruppen in die Bundespolitik. Vor Ort Einblicke zu bekommen, hilft uns als Bundesverband, die Belange junger Menschen in der Politik zu vertreten und uns für eine bedarfsgerechte soziale Infrastruktur einzusetzen." Vor Ort tauschten sich die beiden Geschäftsführenden der BAG EJSA, Christine Lohn und Hans Steimle, und Vertreter*innen der Diakonie mit jungen Menschen und Fachkräften der besuchten Einrichtungen aus. Auch politische Entscheidungsträger*innen aus Bund, Land und Kommune nutzten die Gelegenheit, sich ein eigenes Bild zu machen. Die Gespräche zeigten klar: Die Jugendsozialarbeit ist ein zentraler Baustein für gesellschaftliche Teilhabe und muss gesichert und ausgebaut werden.
Einrichtungen machen Bedeutung der Jugendsozialarbeit deutlich
In den Gesprächen in der Jugendwerkstatt Gießen stehen Berufsqualifizierung und psychosoziale Beratung im Mittelpunkt. Angesichts drohender Kürzungen im Sozialbereich machte die Geschäftsführerin der Jugendwerkstatt, Mirjam Aasman, darauf aufmerksam, dass Qualifizierung und Ausbildung nachhaltige Instrumente sind, die Menschen in die Lage versetzen, Teil der Erwerbsgesellschaft zu werden. „Dies ist volkswirtschaftlich gesehen sinnvoll, stärkt das Zugehörigkeits- und Selbstwirksamkeitsempfinden der Betroffenen und wirkt dem Auseinanderdividieren der Gesellschaft entgegen“, so Aasman. Die Zahlen sprechen für sich: Knapp zwei Drittel der Langzeitarbeitslosen fehlt es an Qualifikationen wie Hauptschulabschluss, Berufsausbildungen. Trotz des Zuwachses der Langzeitarbeitslosen und des großen Bedarfs an qualifizierten und spezialisierten Fachkräften wurden Fördermaßnahmen, die für den Arbeitsmarkt qualifizieren und begleiten, in Hessen um 46,8 Prozent gekürzt.
Beim Evangelischen Verein für Kinder- und Jugendhilfe Rhein-Main geht es um die Auswirkungen einer veränderten Asyl- und Migrationspolitik auf die Finanzierung von Angeboten für junge Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. So wurde die Finanzierung der im Verein angesiedelten Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule seitens des Bundes eingestellt – ein Förderprogramm, das seit mittlerweile 50 Jahren junge Zugewanderte bei ihrem Weg in ein Studium in Deutschland unterstützt. Hinzu kommt, dass die Förderung der Jugendmigrationsdienste auf dem Niveau von 2022 stagniert. Außerdem steht der Träger immer wieder vor großen Herausforderungen, sein im Frankfurter Raum einmaliges Ausbildungsangebot für gehörbeeinträchtigte junge Menschen verlässlich finanziert zu bekommen. Schließlich ist der Verein sogar gezwungen, regelmäßig hohe Eigenmittel für die notwendigen Gebärdendolmetschenden aufzuwenden, was den Fortbestand des Projektes gefährdet. Diese Angebote sind jedoch entscheidend, um jungen Menschen Perspektiven zu eröffnen, gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen und die Fachkräfte von morgen auszubilden. „Junge Menschen, die Benachteiligung, Ausgrenzung oder Diskriminierung erfahren, brauchen verlässliche Unterstützung und echte Zukunftsperspektiven. Jugendsozialarbeit begleitet sie auf ihrem Weg in Ausbildung, Beruf und gesellschaftliche Teilhabe. Werden bewährte Bundesprogramme geschwächt, gefährden wir Chancen – für die Betroffenen und für unsere Gesellschaft“, sagt Johannes Löschner, Arbeitsbereichsleiter im Evangelischen Verein für Kinder- und Jugendhilfe Rhein-Main e.V.
Jugendliche mit Beeinträchtigungen und Migrationsbiographien stehen beim Start ins eigenständige Leben vor besonderen Herausforderungen. Carsten Tag, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen, warnt vor den Folgen von Einsparungen: „Dass für so wichtige Unterstützungsangebote keine verlässlichen Mittel bereitstehen oder an bewährten Programmen gespart werden soll, mag kurzfristig öffentliche Haushalte in geringem Umfang entlasten. Langfristig aber werden die sozialen und finanziellen Folgen erheblich sein.“
Über BAG EJSA
Die BAG EJSA setzt sich als bundesweiter Fachverband der Diakonie im gesellschaftlichen und politischen Kontext für die Belange von jungen Menschen mit besonderem Förderbedarf ein. Gleichzeitig ist sie Zentralstelle für die Verwaltung der Bundesmittel in verschiedenen Bundesprogrammen z.B. im Programm Jugendmigrationsdienste. Mit dem Format „BAG EJSA-Sommereise“ will der Verband öffentlichkeitswirksam auf die Problemlagen junger Menschen aufmerksam machen.