Hospizarbeit zwischen Haltung und Verantwortung
Beim 16. Nordhessischen Hospizforum diskutierten rund 80 Haupt- und Ehrenamtliche über ethische Fragen am Lebensende – offen, kontrovers und mit Blick auf die Verantwortung in der Begleitung.
20.05.2026
Was darf ich? Was soll ich? Was muss ich?
Vom 15. bis 17. Mai 2026 kamen in der Evangelischen Tagungsstätte Hofgeismar rund 80 Haupt- und Ehrenamtliche aus der Hospizarbeit der Diakonie Hessen zum 16. Nordhessischen Hospizforum zusammen. Unter dem Leitmotiv „Ethische Herausforderungen in der Begleitung – Was darf ich? Was soll ich? Was muss ich?“ stand der fachliche Austausch über zentrale Fragen am Lebensende im Mittelpunkt.
In Vorträgen, Workshops und intensiven Gesprächen wurde deutlich, wie sehr sich Hospizarbeit im Spannungsfeld von Selbstbestimmung, Fürsorge und Verantwortung bewegt. Im Fokus standen unter anderem Fragen nach Menschenwürde, Todeswünschen, Umgang mit Verwahrlosung, Sterbefasten und spirituellen Ressourcen – und immer wieder die Haltung, mit der Menschen am Lebensende begleitet werden.
Im Eröffnungsvortrag betonte Prof. Dr. Martin Hein, dass das Lebensende als eigene Lebensphase mit unverlierbarer Würde verstanden werden muss. Zum Abschluss setzte Prof. Dr. Ralf Frisch markante ethische Akzente zur Debatte um Selbstbestimmung und die Grenzen liberaler christlicher Ethik. Er warnte davor, Selbstbestimmung zum alleinigen Maßstab zu erheben, und lenkte den Blick auf die Frage, was dies für das gesellschaftliche Miteinander und für ein christliches Menschenbild bedeutet. Er plädierte daher dafür, in der Diakonie auch die vertikale Perspektive des Kreuzes nicht zu vergessen und auch ein Verständnis von der Gottesbestimmtheit des Menschen zu haben.
Die Diskussionen im Plenum und in den Workshops zeigten, wie kontrovers insbesondere das Thema assistierter Suizid aus christlich-ethischer Perspektive bewertet wird. Deutlich wurde: Einfache Antworten gibt es nicht. Stattdessen braucht es den Blick auf den Einzelfall und eine intensive Begleitung der Menschen. Aus christlicher Perspektive geht es grundsätzlich eher um Entscheidungserschwernis als um Erleichterung. Es gibt daher keine fertigen Lösungen, sondern geteilte Erfahrungen, offene Spannungen und die Einsicht, dass Verantwortung oft dort beginnt, wo Eindeutigkeit endet. Und so müssen sich alle Beteiligten, wie Pfarrer Matthias Welsch in seiner Schlussmoderation sagte, bei diesen schwierigen Fragen in Irritationskompetenz üben.
Das 16. Nordhessische Hospizforum machte eindrücklich sichtbar: Ethik lebt vom Gespräch. Und Hospizarbeit lebt von Menschen, die auch in schwierigen Situationen präsent bleiben, Verantwortung übernehmen und sich den großen Fragen am Lebensende intensiv und mit Engagement stellen.
Bildunterschrift:
Abschließende Podiumsdiskussion mit den Referent:innen: von links Benedikt Lerch, Prof. Dr. Ralf Frisch, Matthias Welsch, Sophia Bröchtel, Jochen Wahl, Marlene Wasserbauer und Anke Feierabend