Es reicht! Diakonie Hessen fordert entschlossenes Handeln gegen Wohnungsnot
Bezahlbares Wohnen ist wirksamster Schutz vor Wohnungslosigkeit
09.09.2026
Tag der wohnungslosen Menschen am 11. September
Eine ganze Kleinstadt in Hessen ohne Wohnung: Mehr als 26.000 Menschen* leben in Hessen in Notunterkünften, so viele Menschen wie etwa in Büdingen oder Pfungstadt. Für die Diakonie Hessen zeigt die hohe Zahl: Beim bezahlbaren Wohnen und bei der Prävention von Wohnungslosigkeit wird seit Jahren zu wenig getan. „Wir sagen: Es reicht! Jeder Mensch ohne dauerhafte eigene Wohnung ist ein Mensch zu viel. Menschen brauchen ein Zuhause. Wohnen ist ein Menschenrecht und Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, Gesundheit und ein selbstbestimmtes Leben“, sagt Carsten Tag, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen, zum Tag der wohnungslosen Menschen am 11. September. „Trotzdem fehlt es in Hessen weiterhin an ausreichend bezahlbarem Wohnraum, wirksamer Prävention und nachhaltigen Investitionen in den sozialen Wohnungsbau.“
Besonders alarmierend: Die Verweildauer in Notunterkünften wird immer länger. So leben mehr als die Hälfte der unter 18-jährigen wohnungslosen Menschen und drei Viertel der Frauen über 25 Jahre seit mehr als zwei Jahren in einer Notunterkunft. Einrichtungen, die ursprünglich nur für wenige Wochen vorgesehen sind, werden für viele Kinder, Jugendliche und Frauen zum dauerhaften Lebensort. Die Diakonie Hessen mahnt entschlossenes politisches Handeln an. Carsten Tag: „Wohnungslosigkeit ist kein individuelles Schicksal. Sie ist vielmehr Ausdruck politischer Entscheidungen und struktureller Versäumnisse. Sie markiert das Versagen einer Gesellschaft.“
Es fehlt an Entschlossenheit
Hessen setzt aktuell auf die „Landesstrategie zur Prävention und Bekämpfung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit“. Carsten Tag: „Ihr Erfolg wird sich daran messen lassen müssen, ob aus Modellprojekten dauerhaft finanzierte Strukturen und vor allem zusätzlicher bezahlbarer Wohnraum entstehen.“ Ein Teil der notwendigen Investitionen in Wohnungsbau und Infrastruktur könnte nach Auffassung der Diakonie Hessen aus den zusätzlichen Mitteln des Sondervermögens finanziert werden. Bislang ist jedoch offen, welchen Stellenwert die Schaffung bezahlbaren Wohnraums bei der Verwendung der zusätzlichen Investitionsmittel des Landes tatsächlichen haben wird. Carsten Tag: „Am Geld darf es nicht mehr mangeln. Nun fehlt es an Entschlossenheit.“
Keine Besserung in Sicht
Die Beratungsstellen der Wohnungsnotfallhilfe der Diakonie Hessen berichten von anhaltendem Druck der hilfesuchenden Menschen durch steigende Mieten, drohende Wohnungsverluste und fehlende Unterbringungsmöglichkeiten. „Schon viel zu lange werden zu wenige bezahlbare Wohnungen gebaut“, sagt Katharina Alborea, Referentin für Wohnungsnotfallhilfe bei der Diakonie Hessen. Die Gründe sind etwa steigende Bau-, Material- und Personalkosten, höhere Kreditzinsen und geringe Renditen für Investoren. Gleichzeitig sinkt der Bestand an Sozialwohnungen, weil immer mehr Wohnungen aus der Sozialbindung fallen oder die Mieten so hoch sind, dass die Angemessenheitsgrenze überschritten wird. „Ohne entsprechende Anreize seitens der Politik ist bezahlbarer Wohnraum für Investoren schlichtweg nicht attraktiv.“ Die vielen geplanten Kürzungen im Sozialstaat – darunter auch mögliche Kürzungen beim Wohngeld – erhöhen das Risiko, dass immer mehr Menschen ihre Wohnung verlieren oder gar nicht erst eine bezahlbare Wohnung finden, ist sich die Expertin sicher. Katharina Alborea: „Wohnungslosigkeit betrifft längst nicht mehr nur Menschen, die von vielfältigen Problemen betroffen sind. Immer häufiger geraten auch Familien, Alleinerziehende, ältere Menschen und Menschen mit eigenem Einkommen unter Druck oder verlieren den Zugang zu bezahlbarem Wohnraum.“
Wohnraum schaffen, Wohnungslosigkeit verhindern
„Seit Jahrzehnten begehen wir schon den Tag der wohnungslosen Menschen. Er erinnert daran, dass in Hessen die Menschen noch immer ihre Wohnung verlieren, weil bezahlbarer Wohnraum fehlt und es für Prävention oft zu spät ist“, sagt Carsten Tag. „Wir dürfen wirtschaftliche Bedingungen nicht über das Wohl eines Menschen stellen. Wir müssen endlich verstehen: Wohnungslosigkeit ist kein Naturgesetz. Sie lässt sich verhindern und überwinden. Dafür braucht es weniger Absichtserklärungen und mehr bezahlbaren Wohnraum.“
Die Diakonie Hessen will sich mit einer „Verwaltung des Mangels“ nicht abfinden. „Unsere Mitarbeitenden gleichen oft aus, was andere Systeme nicht leisten“, sagt Carsten Tag. „Sie begleiten Menschen mit großer Fachlichkeit, Beharrlichkeit und oft an der Grenze ihrer Kräfte. Wer Wohnungslosigkeit überwinden will, muss ausreichend Wohnraum schaffen. Und solange Menschen keine Wohnung finden, müssen wir diejenigen stärken, die sie Tag für Tag begleiten. Dafür werden wir uns weiterhin einsetzen: unbequem, konkret und gemeinsam mit den Betroffenen.“
Die Forderungen der Diakonie Hessen im Überblick:
- Mehr Investitionen in bezahlbaren und sozialen Wohnungsbau
- Ausbau von Angeboten zur Verhinderung von Wohnungsverlusten
- Effektive Begrenzung der Mietpreisentwicklung
*Quelle: Abfrage zu Hessen auf der Webseite des Statistischen Bundesamts / Stand 31.01.26
Weitere Informationen
26.455 wohnungslose Menschen in Hessen untergebracht
Zum 31. Januar 2026 waren in Hessen 26.455 Menschen wegen Wohnungslosigkeit in Not- und Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Bundesweit lag die Zahl bei 452.910 (Abfrage unter genesis.destatis.de). Nicht erfasst sind Menschen, die in Hessen auf der Straße leben (Schätzungen: 1.700 Menschen) sowie etwa 1.400 verdeckt wohnungslose Personen, die vorübergehend bei Freunden oder Verwandten unterkommen (Stand 2023 / Studie von giss-ev).
Kontakt
Katharina Alborea
Referentin für Wohnungsnotfallhilfe Ressort Armutspolitik, Teilhabe und Inklusion
katharina.alborea@diakonie-hessen.de 069 79476282 01511 8518750