Eingliederungshilfe unter Druck
Die Eingliederungshilfe unterstützt Menschen mit Behinderungen dabei, selbstbestimmt zu wohnen, zu arbeiten und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Doch steigende Kosten, Fachkräftemangel und fehlende Planungssicherheit gefährden notwendige Angebote.
Menschen mit Behinderungen haben ein Recht auf Selbstbestimmung und gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe. Die Eingliederungshilfe trägt dazu bei, dieses Recht im Alltag zu verwirklichen. Sie unterstützt Menschen beim Wohnen, Arbeiten und Lernen, bei sozialen Kontakten, in der Freizeit und bei der Verwirklichung persönlicher Ziele.
Das Bundesteilhabegesetz hat den Wandel von einem fürsorgeorientierten System hin zu mehr Selbstbestimmung vorangebracht. Grundlage dafür ist die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Zwischen dem gesetzlichen Anspruch und der Lebenswirklichkeit besteht jedoch weiterhin eine Lücke. Wahlfreiheit, Selbstbestimmung und umfassende Teilhabe sind bislang nicht überall selbstverständlich.
Für die Diakonie Hessen ist deshalb klar: Teilhabe darf nicht vom Einkommen, vom Wohnort oder von der Haushaltslage der öffentlichen Hand abhängen. Menschenrechte müssen im Alltag erfahrbar sein.
Einrichtungen geraten wirtschaftlich unter Druck
Eine Situationsanalyse der Diakonie Hessen aus dem Jahr 2026 zeigt, dass viele Träger und Einrichtungen der Eingliederungshilfe wirtschaftlichen Risiken ausgesetzt sind. Besonders belastend sind eine unzureichende oder unsichere Refinanzierung, steigende Personal-, Energie- und Sachkosten sowie fehlende Planungssicherheit.
Hinzu kommen verzögerte Vergütungszahlungen, langwierige Verfahren, zunehmende Bürokratie und Schwierigkeiten bei der Gewinnung von Fachkräften. Besonders angespannt ist die Situation bei Wohnangeboten. Dort treffen steigende laufende Kosten auf notwendige Investitionen in Klimaanpassung und energetische Sanierung.
Wirtschaftliche Unsicherheit betrifft nicht nur die Organisationen. Wenn Einrichtungen Personal nicht langfristig binden, Angebote nicht weiterentwickeln oder notwendige Investitionen nicht tätigen können, gefährdet dies die verlässliche Unterstützung von Menschen mit Behinderungen.
Starke Einrichtungen sichern verlässliche Teilhabe
Die Einrichtungen und Dienste der Eingliederungshilfe setzen das Recht auf Teilhabe täglich in die Praxis um. Dafür brauchen sie qualifizierte Mitarbeitende, ausreichend Zeit und eine verlässliche Finanzierung. Tariflöhne müssen vollständig berücksichtigt, Vergütungsverfahren beschleunigt und Fördermittel regelmäßig an die tatsächliche Kostenentwicklung angepasst werden. Zugleich müssen Ausbildung und Quereinstieg erleichtert sowie Hürden für internationale Fachkräfte abgebaut werden.
Auch der Verwaltungsaufwand muss sinken. Dokumentation gehört zu professioneller sozialer Arbeit. Übermäßige Nachweise, komplexe Anträge und lange Genehmigungsprozesse binden jedoch Zeit, die für die Begleitung und Unterstützung von Menschen fehlt.
Frühzeitige Unterstützung verhindert Ausgrenzung
Zur Eingliederungshilfe gehören auch niedrigschwellige Angebote wie psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen. Sie bieten Orientierung, Beratung und soziale Kontakte, bevor sich Belastungen zu Krisen entwickeln.
Frühzeitige Unterstützung kann Isolation verhindern und den Zugang zu weiteren Hilfen erleichtern. Deshalb müssen diese Angebote erhalten und bedarfsgerecht ausgebaut werden. Wer an frühzeitiger Unterstützung spart, riskiert später einen höheren Hilfebedarf und zusätzliche gesellschaftliche Kosten.
Die Situationsanalyse 2026
- 22 Rückmeldungen aus unterschiedlichen Träger- und Einrichtungsstrukturen gingen in die Auswertung ein.
- 77,3 % nennen eine unzureichende oder unsichere Refinanzierung als Belastung.
- 40,9 % sehen Wohnleistungen als größte strukturelle Herausforderung.
- 36,4 % bewerten die Personalsituation als angespannt oder sehr angespannt.
- Unter dem Dach der Diakonie Hessen stehen 38 Träger und Einrichtungen für etwa 290 Wohn-, Arbeits- und weitere Unterstützungsangebote.
Die Erhebung fand im Mai und Juni 2026 statt. Ihre Ergebnisse beziehen sich auf die teilnehmenden Träger und Einrichtungen und sind nicht als repräsentative Bevölkerungsumfrage zu verstehen.
Überblick der wichtigsten Ergebnisse
Jede zweite Einrichtung sieht ein hohes wirtschaftliches Risiko
Nahezu alle befragten Träger sind mit wirtschaftlichen Risiken konfrontiert. Jeder Zweite stuft diese als hoch oder sehr hoch ein. Rund 68 % bewerten ihre derzeitige Situation als angespannt oder zumindest risikobehaftet
77,3 % nennen Probleme bei der Refinanzierung
Die mit Abstand am häufigsten genannte Belastung ist eine unzureichende oder unsichere Refinanzierung der erbrachten Leistungen. Hinzu kommen nicht dynamisierte oder auslaufende Förderprogramme sowie steigende Personal-, Energie- und Sachkosten.
Planungssicherheit fehlt
Kein einziger befragter Träger bewertet seine Planungssicherheit als hoch. Rund drei Viertel stufen sie lediglich als mittel ein, mehr als ein Viertel sogar als gering oder sehr gering. Damit wird es schwieriger, Personal langfristig zu binden, Angebote weiterzuentwickeln und notwendige Investitionen zu tätigen.
Zahlungsverzögerungen belasten die Einrichtungen
Mehr als drei Viertel der befragten Träger berichten von verzögerten Vergütungszahlungen oder langwierigen Verfahren bei den zuständigen Behörden. Obwohl die Leistungen bereits erbracht wurden, müssen die Einrichtungen teilweise lange auf die entsprechende Finanzierung warten.
Wohnangebote stehen besonders unter Druck
40,9% der befragten Träger nennen Wohnleistungen als größte strukturelle Herausforderung. Steigende Miet-, Energie- und Personalkosten treffen hier auf Leistungsentgelte, die mit der Kostenentwicklung nicht Schritt halten. Gleichzeitig stehen Investitionen in Klimaanpassung und energetische Sanierungen an, die bislang nicht ausreichend refinanziert werden.
Die Personalsituation ist angespannt
Mehr als ein Drittel der befragten Träger bewertet das Verhältnis von Mitarbeitenden zu betreuten Menschen als angespannt oder sehr angespannt. In den kommenden Jahren könnten sich die Probleme verschärfen, weil zahlreiche Fach- und Arbeitskräfte altersbedingt ausscheiden oder die Einrichtungen verlassen.
Bürokratie bindet wertvolle Zeit
Steigender Verwaltungsaufwand, aufwendige Prüf- und Genehmigungsverfahren sowie lange Bearbeitungszeiten belasten die Einrichtungen zusätzlich. Zeit und Ressourcen, die für Nachweise und Verwaltungsprozesse benötigt werden, fehlen bei der unmittelbaren Unterstützung von Menschen mit Behinderungen.
Was Eingliederungshilfe konkret ermöglicht
Zur Diakonie Hessen zählen 38 Träger und Einrichtungen für rund 290 Wohn-, Arbeits- und weitere Unterstützungsangebote
Was jetzt getan werden muss
Damit Menschen mit Behinderungen auch künftig verlässlich unterstützt werden, fordert die Diakonie Hessen:
- Soziale Leistungen verlässlich und auskömmlich zu refinanzieren,
- Tarifsteigerungen vollständig bei der Finanzierung zu berücksichtigen,
- Vergütungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen,
- Bürokratie und Verwaltungsaufwand abzubauen,
- Digitale Verfahren voranzubringen,
- Förderbudgets regelmäßig an die Kostenentwicklung anzupassen,
- Investitionen in Klimaanpassung und energetische Sanierung zu finanzieren,
- Ausbildung und Quereinstieg zu erleichtern,
- Hürden für internationale Fachkräfte abzubauen,
- Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstellen zu erhalten und auszubauen.
Kontakt
Rita Henning
Leitung Ressort Armutspolitik, Teilhabe und Inklusion
rita.henning@diakonie-hessen.de 0561 10953105Sandra Möller
Referentin für soziale Teilhabe Ressort Armutspolitik, Teilhabe und Inklusion
sandra.moeller@diakonie-hessen.de 0561 10953126