Teilhabe braucht Fachkräfte
Der akute Fachkräftemangel in der Eingliederungshilfe bedroht die Unterstützung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Die Diakonie Hessen zeigt Ursachen auf und fordert konsequentes politisches Handeln.
20.04.2026
Wenn Fachkräfte fehlen
Die soziale Teilhabe von Menschen mit Behinderungen hängt entscheidend von einer ausreichenden Zahl qualifizierter Fachkräfte ab. Fachkräfte ermöglichen Teilhabe im Alltag, beim Wohnen und im Arbeitsleben und setzen damit die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention um.
In sämtlichen Bereichen der Eingliederungshilfe herrscht ein akuter Mangel an Fach- und Arbeitskräften. Dies führt dazu, dass Unterstützungsangebote reduziert oder sogar eingestellt werden müssen und Menschen mit Einschränkungen nicht mehr angemessen versorgt werden können. Die Ursachen sind vielschichtig:
- Sinkende Absolvent*innenzahlen: Trotz wachsendem Bedarf verzeichnen die Fachschulen für Heilerziehungspflege in Hessen und bundesweit einen deutlichen Rückgang der Studierendenzahlen. Dies verschärft den Mangel kontinuierlich.
- Ausbildungsbarrieren: Die Ausbildung ist durch hohe Voraussetzungen und Schulgeld erschwert – beides hält potenzielle Bewerber*innen ab. In Hessen bestehen im Bundesvergleich besonders hohe Hürden. Zusätzlich wird von ausländischen Azubis bereits nach dem ersten Ausbildungsjahr ein C1-Sprachzertifikat verlangt, während dies in anderen Bundesländern erst am Ende der Ausbildung erforderlich ist – ein erheblicher Nachteil für Migrant*innen
- Langwierige Anerkennungsverfahren: Zugang und Anerkennung von Qualifikationen ausländischer Fach- und Arbeitskräfte sind bisher nicht ausreichend geregelt, was den Zuzug und die Beschäftigung internationaler Fachkräfte erheblich erschwert.
- Fehlende Anerkennung langjähriger Mitarbeitender: Erfahrungsreiches Personal ohne formale Qualifikation darf nach aktuellen Rahmenverträgen keine Leistungen der qualifizierten Assistenz erbringen.
- Hürden für Quereinsteiger*innen: In Hessen müssen Quereinsteiger*innen eine längere Berufserfahrung nachweisen als in anderen Bundesländern, um in der Heilerziehungspflege tätig zu werden.
- Geringe Einbindung von Ehrenamtlichen: Obwohl Ehrenamtliche einen wichtigen Beitrag leisten, fehlt oft eine systematische Integration in die Fachkräfteplanung und -entwicklung.
Unsere Forderungen für Bund und Land
Teilhabe ist ein Grundrecht. Der bestehende Fachkräftemangel darf nicht zulasten von Menschen mit Behinderungen gehen. Die Diakonie Hessen setzt sich dafür ein, dass die Rahmenbedingungen für Ausbildung, Qualifikation, Anerkennung und Beschäftigung dringend verbessert werden – auf Bundes- wie auf Landesebene.
Bundesweite Forderungen und Maßnahmen
- Berufe attraktiver machen: Eine Image‑ und Fachkräfteoffensive zur nachhaltigen Sicherung des Fachkräftebedarfs in der Eingliederungshilfe umsetzen.
- Erfahrenes Personal sichern: Kompetenzen anerkennen und niederschwellige Nachqualifizierungen ermöglichen, damit erfahrene Mitarbeitende im Beruf bleiben und Quereinsteiger*innen schneller einsteigen können.
- Internationale Fachkräfte gewinnen: Anerkennungsverfahren für ausländische Qualifikationen vereinfachen, flexibilisieren und beschleunigen.
- Potenziale nutzen: Die Programme „Pflege integriert“ und „Wirtschaft integriert“ auf die Eingliederungshilfe ausweiten.
("Pflege integriert" ist eine Landesinitiative zur Qualifizierung von Menschen – insbesondere mit Migrationshintergrund oder ohne formalen Schulabschluss – für Pflegeberufe durch integrierte Bildungsmaßnahmen. Das Projekt "Wirtschaft integriert" ist ein hessisches Förderprogramm zur gezielten Unterstützung von Menschen mit Sprachförderbedarf auf dem Weg von der Berufsorientierung bis zum erfolgreichen Ausbildungsabschluss.) - Ehrenamt stärken: Ehrenamtliches Engagement gezielt fördern, anerkennen und systematisch in die Fachkräfteplanung einbinden.
- Berufsbezeichnung modernisieren: Eine zeitgemäße, inklusive Berufsbezeichnung einführen, die Teilhabe, Selbstbestimmung und Lebensqualität in den Mittelpunkt stellt.
Forderungen und Maßnahmen für Hessen
- Zugang zur Ausbildung erleichtern: Zugangsvoraussetzungen absenken und an bundesweite Standards anpassen.
- Schulgeld abschaffen: Schulgeldfreiheit für alle sozialen Berufe zügig umsetzen.
- Neue Ausbildungswege schaffen: Einführung einer HEP‑Helfer*innen‑Ausbildung (DQR 3, 1–2 Jahre), um neue Zielgruppen zu erreichen.
- Sprachanforderungen anpassen: Nachweis des C1‑Sprachniveaus für ausländische Auszubildende und Studierende erst zum Ausbildungsabschluss verlangen.
Teilhabe sichern - Jetzt!
Der Fachkräftemangel in der Eingliederungshilfe ist ein vielschichtiges Problem, das entschlossenes politisches Handeln erfordert. Der Koalitionsvertrag auf Bundesebene sieht bereits geeignete Maßnahmen wie einen bundesweiten Ausbildungsstandard und einen leichteren Zugang zum Beruf vor. Doch die Umsetzung lässt auf sich warten. Nun ist das Land Hessen gefragt, so schnell wie möglich die Maßnahmen zu ergreifen, die in anderen Bundesländern bereits umgesetzt wurden. Nur durch den Abbau von Barrieren, durch attraktive Berufsbedingungen und innovative Qualifizierungswege kann die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen langfristig gesichert werden.
Aktionswoche "#Ohne Fachkräfte keine Teilhabe"
Die Fachverbände für Menschen mit Behinderung rufen gemeinsam mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der Ausbildungsstätten für Heilerziehungspflege in Deutschland e.V. (BAG HEP) zu einer bundesweiten Aktionswoche
vom 20. bis 24. April 2026 auf.
Unter dem Motto #OhneFachkräfteKeineTeilhabe wird die unverzichtbare Rolle von Fachkräften in der Eingliederungshilfe und Sozialpsychiatrie in den Mittelpunkt gestellt.
Für die Aktionswoche gibt es zahlreiche Materialien, die zum Teilen und Mitmachen einladen. Alle Materialien stehen auf der Kampagnenseite der Fachverbände zum Download bereit (Link siehe unten).
Weitere Informationen
Kontakt
Sandra Möller
Referentin für soziale Teilhabe, Ressort Armutspolitik, Teilhabe und Inklusion
sandra.moeller@diakonie-hessen.de 0561 10953126